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TV-Kritik: Hart aber fair : In der Hand von Ideologen

  • -Aktualisiert am

Die Corona-Fleischfabrik-Talkrunde bei „Hart aber fair“ Bild: WDR/Dirk Borm

In Frank Plasbergs letzter Sendung vor der Sommerpause geht es um das Coronavirus in den Schlachthöfen von Clemens Tönnies. Der wirkt zur Zeit recht ratlos – was sich von seinen Kritikern nicht behaupten lässt: Die haben immer Antworten parat.

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          Fast wäre es Frank Plasberg gelungen, einmal nicht über die Pandemie zu diskutieren. Das gelang aber nur bis zum Nachmittag, als seine Redaktion dann doch noch einen Themenwechsel ankündigte. Statt über die Vereinigten Staaten wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl diskutierten die Gäste über „Massenerkrankung in Fleischfabrik – Gefahr fürs Land?“ So ging es nicht nach Washington, sondern nach Rheda-Wiedenbrück. Der dort ansässige großindustrielle Metzgereibetrieb der Tönnies-Gruppe ist zum Epizentrum der Coronavirus-Pandemie geworden.

          Der Titel sollte die Begründung für den Themenwechsel liefern: Massenerkrankung und Gefahr für das Land waren die Stichworte. Tatsächlich zeigte er, wie die gesamte Sendung, das Elend einer Debatte, in der die Bekämpfung einer Pandemie in die Hände von Ideologen geraten ist. Diese interessiert nicht der pragmatische Umgang mit dem Virus, sondern die Durchsetzung ihrer jeweiligen politischen Agenda.

          In Wirklichkeit gibt es im gesamten Kreis Gütersloh zur Zeit 21 Patienten, die stationär betreut werden müssen. Davon sechs intensivmedizinisch, und von diesen sind wiederum fünf Tönnies-Beschäftigte. Das wurde in der gesamten Sendung schamhaft verschwiegen, obwohl es offenkundig eine wichtige Information ist. Ohne die drei epidemiologischen Cluster in Rheda-Wiedenbrück, Göttingen und Berlin gäbe es in Deutschland nur noch wenige Infektionen. Nicht zuletzt deshalb sind bei uns auch die Medikamentenstudien zum Stillstand gekommen: Es gibt schlicht zu wenige Kranke.

          Zugleich kann noch niemand so richtig erklären, warum die Infektionszahlen außerhalb dieser Brennpunkte so niedrig sind, obwohl die Kontaktbeschränkungen seit fast sechs Wochen gelockert werden. Es gibt immer noch viele Fragen, die niemand beantworten kann – trotz der der in den vergangenen Monaten erzielten virologischen und medizinischen Fortschritte.

          „Woher wissen Sie das?“

          Gestern Abend gab es Antworten. Etwa von Katrin Göring-Eckhardt (Grüne) über die Ursachen der Infektionen bei Tönnies. Sie machte dafür die „Arbeitsbedingungen und die Versäumnisse der Landesregierung“ verantwortlich. Unternehmer haben bekanntlich zur Zeit einen schweren Stand, selbst wenn es sich um Spezialisten für vegane Ernährung handelt. Christian von Boetticher ist Geschäftsführer eines Haferflockenproduzenten. Als Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Ernährungsindustrie musste er auch die Geschäftspraktiken eines Clemens Tönnies verteidigen, was nur bedingt gelang. Aber als Erwiderung auf Göring-Eckhardt stellte er eine interessante Frage: „Woher wissen Sie das?“, so der frühere CDU-Politiker. Er kenne „niemanden, der das bestätigt.“ Er verwies unter anderem auf die örtlichen Gesundheitsämter und die Arbeitsschutzbehörden.

          Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach verwies in diesem Zusammenhang auf einen anderen Punkt: Schon vor Monaten seien vergleichbare Ausbrüche in amerikanischen Schlachthöfen beobachtet worden. Mittlerweile gebe es solche Meldungen auch aus Großbritannien. Gibt es somit Hinweise, wo sich in einem internationalen Vergleich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter in der Fleischindustrie als spezifisches Infektionsrisiko belegen lassen? Das wäre eine interessante Frage, die aber wohl nicht nur in dieser Sendung kaum jemanden bewegt.

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