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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Corona-Schecks und Autoprämie gegen Klassenkampf und Klimakrise

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert in seiner Sendung „Hart aber fair“ am 11. Mai 2020 mit seinen Gästen zur Frage: „Der Schock danach - wie kommt die Wirtschaft aus der Corona-Starre?“ Bild: WDR/Dirk Borm

Frank Plasberg sucht in der Corona-Krise nach dem Wirtschaftsaufschwung. Doch die Gästeliste leidet an einer eklatanten Lücke – und der anwesende Hauptakteur versteckt sich hinter gebetsmühlenartigen Vertröstungsphrasen.

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          Die Sendung „Hart aber fair“ ist erst wenige Minuten alt, da platziert Wirtschaftsminister Peter Altmaier die erste wichtige Nachricht: Für die Soforthilfe des Staates wird es nach Juni eine Anschlussregelung geben. Es ist ein Signal für Selbständige aller Branchen – ob der Gastronomie, der Reisebranche oder des Einzelhandels. Auch die anwesende Sarah Stücker kann aufatmen. Anstatt Messen zu organisieren, ackert die Eventmanagerin dieser Tage regelmäßig auf dem Spargelfeld und hilft bei der Ernte. Nur so kommt sie über die Runden. Stücker klagt, ihr sei das Arbeiten untersagt worden, nun erwarte sie auch Unterstützung vom Staat. Die wird kommen, versichert Altmaier. Leider wird es an diesem Abend das einzige klare Signal aus dem Munde des Ministers bleiben.

          Ohnehin geht es bei „Hart aber fair“ dieses Mal weniger um Einzelschicksale, als vielmehr um die gesamte deutsche Wirtschaft. Frank Plasberg stellt die Frage: Der Schock danach – wie kommt die Wirtschaft aus der Corona-Starre? Der Moderator muss offenbar grenzenloser Optimist sein, um jetzt schon von der Zeit „danach“ zu sprechen. Politiker wie Virologen sind sich jedenfalls einig, dass man erst am Anfang der Corona-Pandemie stehe. Davon abgesehen legt Plasberg einen souveränen Auftritt hin: unterbricht, wo es nötig ist – vor allem bei Peter Altmaier–, hält sich ansonsten im Hintergrund, und greift gar Zuschauerfragen von Twitter auf. Es scheint, als würde dem Moderator das fehlende Studiopublikum die nötige Ruhe zu geben, um eine Diskussion nicht durch unnötiges Ins-Wort-Fallen zu stören.

          Aber zurück zum Thema: Deutschlands Wirtschaft in Zeiten des Coronavirus. Unerklärlicherweise nimmt ausgerechnet bei diesem klaren ökonomischen Fokus kein Wirtschaftswissenschaftler an der Diskussion teil. Neben der spargelstechenden Eventmanagerin Sarah Stücker und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sind dabei Katja Kipping (Parteivorsitzende der Linkspartei), Carla Reemtsma (Klima-Aktivistin bei „Fridays for Future“) und Thomas Meyer (Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages).

          250 Euro, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln

          Wie wichtig das Thema ist, zeigt die von Frank Plasberg angeführte Schätzung: Auf rund 1,9 Billionen Euro könnten sich demnach die Coronakosten für den deutschen Staat belaufen. Die Deutschen stecken mitten in der Corona-Starre. Investieren will niemand. Mal lähmt die Angst um den Arbeitsplatz, mal fehlt aufgrund von angeordneter Kurzarbeit schlicht das nötige Geld. Die Grünen schlagen deshalb vor, jedem Deutschen einen Einkaufsgutschein von 250 Euro zu geben. Der Handelsverband Deutschland lässt sich nicht lumpen und fordert Corona-Schecks im Wert von 500 Euro. Sarah Stücker kann darüber im Studio allerdings nur lächeln: Dadurch werde die deutsche Wirtschaft sicherlich nicht wieder angekurbelt. Und sie wird wohl nicht die Einzige sein, die angesichts dieser Summen so denkt.

          Dessen ist sich wahrscheinlich auch Peter Altmaier bewusst. Man kann es allerdings nur vermuten. Das ist bitter, schließlich ist Altmaier als Wirtschaftsminister in dieser Runde so etwas wie der entscheidende Hauptakteur. Aber statt mit klaren Aussagen würzt der Minister an diesem Abend die Diskussion lieber mit zwei anderen Zutaten: mit gebetsmühlenartigem Vertrösten – wie etwa der Aussage, man werde zunächst sämtliche Vorschläge sammeln und anschließend in Ruhe diskutieren. Und mit unfassbar langen, phrasenhaften Elogen auf die kommenden Regierungspläne. Wie diese: Es werde ein Konjunkturprogramm geben, dass Investitionen anregen, Modernisierungen möglich machen und natürlich auch die Nachfrage ankurbeln soll. Es werde zudem sozialverträglich und ökologisch sein. Kurz: Es ist alles in Planung – und zudem super.

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