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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Auch der Impfstoff befreit uns nicht

TV-Moderator Frank Plasberg (rechts) spricht mit TV-Koch Steffen Henssler Bild: WDR/Oliver Ziebe

Warum die Verunsicherung weiter um sich greift und die Covid-19-Infizierten nicht nur mit der Krankheit zu kämpfen haben: Eine Fernsehdebatte mit historischem Momentum.

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          Das Licht am Ende des Tunnels – sehr viel treffender als in diesem getwitterten Halbsatz der Virologin Isabella Eckerle war gestern kaum formuliert worden, was ein paar Stunden vor ihrem abendlichen Auftritt bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ geboten wurde: Etwas Historisches auf offener Pandemiebühne nämlich. Der erste Corona-Impfstoff war angekommen. Zumindest waren die ersten vielversprechenden Ergebnisse der entscheidenden Zulassungsstudie der Mainzer Firma Biontech und dessen amerikanischem Pharmapartner Pfizer aus Brasilien eingetroffen. Und die hatten tagsüber die Kurse der betreffenden Firmen hochfliegen und abends die Fantasie der gebeutelten Wellenbrecher-Shutdowner in ihren Fernsehsesseln förmlich überquellen lassen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie viel Historisches da tatsächlich zusammen kommt in diesem RNA-Impfstoff, ist schwer begreiflich zu machen: Alles neu, alles schneller, alles fehlerfrei und effektiver als gedacht. Medizingeschichte eben. Und nun: Klappe zu, Pandemie tot? So eben leider nicht. Das hat die Genfer Virologin Eckerle denn auch an diesem aufregenden Shutdown-Abend ohne jeden Anflug von Sektkorkenlaune im Fernsehen vermittelt: „Wir müssen den Marathon trotzdem beenden.“ Gemeint waren natürlich die Corona-Maßnahmen, die auch den Hamburger Bürgermeister und Mediziner Peter Tschentscher schon mächtig „nerven, wie uns alle“ – und die er dennoch auf lange Sicht für unentbehrlich hält.

          Appelle, Kontrolle oder Verbote?

          Überhaupt war an diesem historischen Abend ziemlich viel Wasser in den medizinhistorischen Wein gegossen worden. Der Impfstoff war natürlich der perfekte, brandaktuelle Einstieg in die Debatte. Doch da er bisher weder zugelassen ist noch kurzfristig zur Verteilung ansteht und deshalb die akuten Anstiege bei Neuinfektionen und Intensivbettenbelegung nur mit den alten Maßnahmen beherrschbar sind, driftete die Diskussion immer wieder sehr routiniert ab in die alten Muster: Appelle, Kontrolle oder Verbote – was ist effektiver? Restaurants zu, Friseure auf – kann das gerecht sein? Und warum sind Schnelltests nicht längst in allen Heimen Standard, wo sie doch schon seit August verfügbar seien, fragte etwa Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki in die Runde.

          Die Antwort hatte Karl Lauterbach, das verlässliche Corona-Orakel, schnell zur Hand. Allein, was nützt das, wenn das Gerücht trotzdem wiederholt und den Experten nicht geglaubt wird? Einfache Schnelltests mag es nämlich schon seit Monaten geben, sichere und sorgfältig evaluierte Tests aber sind erst wenige Wochen in auf dem Markt. Was dagegen immer noch fehlt, ist Rechtssicherheit bei der Anwendung und eine große politische Offensive. Da war er dann wieder,  der Moment, den die  fachlich gut besetzte Talkrunde für ein Gespräch über die strategische Ausrichtung der Pandemiebekämpfung gezielt hätte nutzen können. Die nötigen Stichworte dazu waren alle gefallen, immer wieder:  Impfstoffe, Schnelltests, Cluster-Strategie und so weiter. Aber eine Debatte über die schwierige Zukunft mit dem Virus ist offenbar immer noch schwer zu ertragen. Stattdessen: Verunsicherung, „die weiter um sich greift“ (Plasberg), und eben Vergangenheitsbewältigung.

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