https://www.faz.net/-gqz-a2wyz

TV-Kritik: Hart aber fair : Corona – zwölf verrückte Jahre?

  • -Aktualisiert am

Denn trotz steigender Corona-Neuinfektionen in Deutschland (zuletzt 7950 pro Woche) bleibt die Zahl der Todesfälle mit 26 pro Woche konstant niedrig. Von den 30.000 Intensivbetten werden aktuell gerade einmal 246 genutzt. Sind die gesetzlichen Einschränkungen also doch übertrieben? Plasberg zeigt sich informiert, zitiert Theorien und fragt Wissenschaftsjournalistin Fischer unter anderem nach einer Studie, wonach das Virus zu einem starken Schnupfen mutieren könnte – was diese jedoch kurz als Einzelstudie abtut.

Müller wagt nun einen ersten Schritt aus der Defensive: Er merkt an, dass die Zahlen nicht trotz, sondern wegen der weitreichenden Maßnahmen so gut seien und warnt zugleich vor steigenden Infektionen in kommenden Jahreszeit, in der mehr Veranstaltungen in geschlossenen Räumen stattfinden werden. Altenbockum spricht vom Dilemma der Politik: Sie müsse Legitimität schaffen, was nun deutlich schwieriger sei als im Schockzustand zu Beginn der Pandemie. 

Gruppe ohne Lobby

Die Klagen über weitreichende Einschränkungen kann der F.A.Z.-Innenpolitikchef hingegen nicht teilen. Im Vergleich zu März und April herrsche aktuell ja fast Anarchie. Außer Maske tragen müsse man im Alltag doch kaum Einschränkungen hinnehmen. Das sieht Lamya Kaddor völlig anders – und verweist vor allem auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Niemand spreche mit diesen Gruppen, man erwarte jedoch, dass sie alle Entscheidungen widerstandslos hinnehmen. Sie hätten in unserer Gesellschaft schlicht keine Lobby, so Kaddor. Ihnen müsse man Möglichkeiten zum Feiern und Austoben geben, beispielsweise durch Partys mit begrenzten Teilnehmern oder anderweitige Kulturangebote. Dass Erwachsene wieder in Urlaub fahren dürfen, habe man beispielsweise im Vergleich viel schneller hinbekommen.

Als die Diskussion sich dem Thema Kultur annimmt, wird deutlich, wie nachhaltig die Pandemie unser Leben verändert. Bernd Stelter appelliert an die Politiker, die Menschen nicht nur zu warnen, sondern ihnen auch wieder Freude und Zuversicht zu geben. Wir Deutschen, so Stelter, hätten wegen der Pandemie unsere Lebensfreude fast komplett eingebüßt. Sein Wunsch: Geht mal wieder ins Theater und amüsiert euch. Wie recht er damit hat, zeigt ein Einspielvideo, in dem die „Hart aber fair“-Redaktion in der Fußgängerzone von Köln-Porz Eintrittskarten für die nächste Stelter-Show verschenken will. Nun kam man von Stelters Humor halten, was man will, aber Auftritte im Rheinland sind zweifelsohne ein Heimspiel für den Kabarettisten. Doch nur eine einzige Dame will die Abendkarten geschenkt, alle anderen lehnen da großzügige Angebot ab und verweisen auf die latente Corona-Gefahr. Sie alle zögern und wollen lieber abwarten.

Es ist ein Punkt, der nachdenklich stimmen sollte. Was macht diese Pandemie langfristig mit uns, wie verändert sich unser aller Verhalten im Alltag? Stelter jedenfalls will sich auch von Corona seinen bittersüßen Humor nicht nehmen lassen und meint: Nach der Pandemie werden wir uns alle in den Armen liegen und sagen – was waren das für zwölf verrückte Jahre.

Weitere Themen

Sieben-Tage-Inzidenz erstmals über 500

Corona-Pandemie : Sieben-Tage-Inzidenz erstmals über 500

Die bundesweite Inzidenz steigt auf 515,7, das Robert-Koch-Institut registriert 52.504 Neuinfektionen. Gesundheitsminister Lauterbach warnt davor, die Omikron-Welle zu unterschätzen. Virologe Drosten glaubt an ein Leben wie vor Corona.

Topmeldungen

Entscheidung von Bundesgericht : Novak Djokovic muss Australien verlassen

Nach tagelangem Chaos entscheiden drei Bundesrichter endgültig gegen den weltbesten Tennisspieler: Novak Djokovic darf nicht in Australien bleiben. Kurz danach kommentiert der Serbe das Urteil in einer Erklärung.
Das New Yorker Hauptquartier der Verlagsgruppe Simon & Schuster, bei der Filippo Bernardini angestellt war

Bücherdieb Filippo Bernardini : Wie weit würde man gehen, um ein Buch zu lesen?

Die Verlagsbranche fragte sich jahrelang, wer hinter dem mysteriösen Diebstahl unveröffentlichter Manuskripte steckt. Dass jetzt ein Täter gefunden wurde, erklärt einige, aber nicht alle bekannten Fälle. Gastbeitrag einer doppelten Branchenkennerin.