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TV-Kritik: Hart aber fair : Corona – zwölf verrückte Jahre?

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Niemand ist gefeit vor Verschwörungstheorien

Wissenschaftsjournalistin Julia Fischer wiederum dröselt die Demonstranten auf in eine heterogene Mischung von Menschen, die sich in unterschiedlichen Stadien der Pandemie-Erklärungen befänden – von Personen mit nachvollziehbaren Einwänden gegen die Politik bis hin zu lupenreinen Verschwörungstheoretikern. Doch Fischer warnt: Niemand sei gefeit davor, einer Verschwörungstheorie anheim zu fallen. Die massive Bedrohung durch die Pandemie führe zu einem gefühlten Kontrollverlust, mit dem das menschliche Gehirn mitunter nicht umgehen könne. Um wieder ein Gefühl der Kontrolle zu kreieren, greife das Gehirn dann mitunter auf sehr einfach Antworten und Muster zurück: Verschwörungstheorien, in denen man Gleichgesinnte finde und einen gemeinsamen Feind ausmache.

Es ist ein schwungvoller Beginn von „Hart aber fair“, eine inhaltlich kontroverse, im Ton jedoch angenehm disziplinierte Diskussion. Noch spannender wäre der Auftakt wohl gewesen, wenn auch ein Gast eingeladen worden wäre, der inhaltlich (und nicht nur formal) die Berliner Demonstration verteidigt hätte. Bei einem heterogenen Haufen von 38.000 Teilnehmern wäre das bestimmt möglich – und sehr interessant gewesen. Denn genau das wird ja eigentlich immer wieder gefordert: Miteinander, nicht übereinander reden.

Müllers Versuch der Schadensbegrenzung

So sieht sich weiterhin Berlins Regierender Bürgermeister in der Defensive. Dass sich am Wochenende die grölenden Rechtsextremisten auf dem Stufen des Reichstags anfangs lediglich drei (!) Polizisten gegenüber sahen, kommentiert er mit den Worten, es habe ja auch noch Barrikaden und Absperrungen gegeben, die jedoch missachtet wurden. Zudem galt es am Wochenende in Berlin noch viele andere Orte zu sichern. Aber ja, es müsse anders gemacht werden, so Müller.

Lamya Kaddor macht an dieser Stelle einen grundsätzlichen Punkt: Sie habe zwar keine Angst, aber in Deutschland müsse endlich die Gefahr von Rechts Ernst genommen werden, fordert die Publizistin. Ein Anfang wäre es, wenn alle Namen derjenigen aufgenommen würden, die am Wochenende gegen Regeln verstoßen hätten. Als Frank Plasberg auf die detaillierte Aufarbeitung des G20-Gipfels in Hamburg verweist, scheint Michael Müller kurz vor der Kapitulation. Er könnte das unterschiedliche Maß an Gewalt zwischen den beiden Veranstaltungen thematisieren, brennende Autos, Molotowcocktails oder Ähnliches, aber Müller stimmt verschämt der Plasbergschen Forderung zu und verspricht: Natürlich, ja natürlich. Eine solch detaillierte Aufarbeitung werde es nun auch in Berlin geben.

Dann dürfte zumindest Müller froh sein, dass sich nun die Diskussion vom vergangenen Wochenende ab und dem zukünftigen Kampf gegen Corona zuwendet. Allerdings muss man zu diesem frühen Zeitpunkt feststellen, dass an dieser Stelle auch das Reservoir an Kontroversen für diesen Abend weitgehend erschöpft ist. Bei den folgenden Aspekten sind sich die Gäste weitgehend einig – und selbst Berlins Regierender Bürgermeister wird die Chance bekommen, ein wenig aus seiner Verteidigungsecke herauszukommen.

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