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TV-Kritik „Hannas Reise“ : Was wollte sie noch in Israel?

  • -Aktualisiert am

Hanna (Karoline Schuch) will „was mit Juden machen“. Dann lernt sie sie näher kennen. Bild: 2Pilots Filmproduction GmbH

In „Hannas Reise“ lernt eine junge zielbewusste Frau die deutsch-jüdische Geschichte von einer anderen Seite kennen. Ein leichter, aufklärerischer Film mit geschickt verpackter Lektion.

          Als Betriebswirtschaftsstudentin Hanna (Karoline Schuch) zum Bewerbungsgespräch in der Unternehmensberatung erscheint, läuft ihr die erste Kandidatin schon weinend entgegen. Beste Zeugnisse? Haben alle, finden die Personaler und sortieren gelangweilt aus. Alles Karrieristen ohne Persönlichkeit. Wo bleiben die Querdenker und Individualisten? Auf der Strecke natürlich, wenn in Rekordzeit studiert und der Mitbewerber abgehängt werden muss. Aber nicht mit der zielstrebigen Hanna. Flugs erfindet sie sich ihr Alleinstellungsmerkmal. Eigentlich sei sie auf dem Weg zum Praktikum in Israel, um mit Juden zu arbeiten, mit jüdischen geistig Behinderten. Das Human Resources Department horcht auf. Das ist mal was anderes. Sobald das Zeugnis nachgereicht werde, habe sie gute Chancen, wieder eingeladen zu werden. Der Nächste bitte.

          „Was mit Juden kommt halt immer gut“, resümiert Hanna für ihren Freund Alex (Trystan Pütter). Und mit Behinderten zähle das doppelt. Mutter Uta (Suzanne von Borsody), von der Tochter belächelte Friedensaktivistin, weigert sich, das Zertifikat zu fälschen, und meldet sie für die „Aktion Friedensdienste“ in Tel Aviv an. Auf dem Programm steht neben der Behindertenarbeit das regelmäßige Treffen mit einer Holocaust-Überlebenden. Wenn es dem Weiterkommen nützt ... Hanna entscheidet sich für die Variante „Augen zu und durch“. Es gilt, aus dem Friedensdienst Kapital für sich zu schlagen.

          Was zählt, ist die Begegnung

          Der Film „Hannas Reise“ von Julia von Heinz (Regie und Buch) und John Quester (Buch) ist eigentlich ein verfilmter klassischer Bildungsroman. Was weiß die Hanna vom Leben? Zu Beginn vermutlich alles, was dem Fortkommen nützt. Was weiß sie von der jüngeren deutschen Geschichte, auch der ihrer eigenen Familie? Höchstens, was für Geschichtsklausuren relevant war. Hanna ist eine ähnliche Figur wie der Praktikant Sven in Robert Thalheimers Film „Am Ende kommen Touristen“, der in der Gedenkstätte Auschwitz zur Touristenbetreuung eingesetzt wird, weil er sich aus Versehen falsch beworben hat. Irgendwie in die deutsche Geschichte geboren, von Lehrern und sühnezeichenbewegten Eltern erzogen (Hanna: „Mama, bitte jetzt nicht die Holocaustkeule“), rutschen sie naiv ins geschichtlich Konkrete.

          Gelegentlich zynisch, bisweilen gewollt politisch inkorrekt erfährt Hanna in Israel ihre sentimentale Erziehung. Die Kamera von Daniela Knapp taucht mit warmem weichem Licht ins Gewimmel von Tel Aviv ein, zeigt die Ausgelassenheit beim Purimfest und die Präsenz des Militärs allerorten, schaut auf das nächtlich glitzernde Jerusalem, fängt das Chaos in der deutschen Friedensaktivisten-WG ein und begleitet die Liebesentwicklung zwischen Hanna und Itay (Doron Amit), der eigentlich in Berlin leben möchte.

          Indem die junge Deutsche sich Itay und seiner Familiengeschichte annähert, öffnet sie sich auch für Israel und die jüngere jüdische Geschichte. „Ihre“ Holocaust-Überlebende ist eine hochgebildete Professorin, Gertraud Nussbaum (Lia Koenig). Zu den charmantesten Szenen des Films gehört ein Bingo-Treffen im Altenheim Nussbaums, bei dem die alten Damen über die Deutschenfeindschaft des Mannes spekulieren, der Hannas Mutter vor dreißig Jahren abgewiesen hat. Nicht jede Pointe in dieser deutsch-israelischen Koproduktion sitzt, das muss auch nicht sein. Denn es gelingt dem Film, seine aufklärerische Haltung leicht und individuell zu zeigen. Geschichte, so der Film, ist kein Lehrbuchkonstrukt und gesellschaftliches Engagement kein Karriereförderungstrick. Begegnung ist, was zählt.

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