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TV-Kritik „Dunja Hayali“ : Folgenlose moralische Selbstgewissheit

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Virtuell dazu geschaltet bei „Dunja Hayali“: Thüringens Mnisterpräsident Bodo Ramelow Bild: © ZDF/ Jule Roehr

Dunja Hayali diskutierte über die Pandemie und die fast vergessene Flüchtlingskrise. Hier zeigten sich die Unterschiede zwischen Bodo Ramelow und Friedrich Merz beim Umgang mit politischen Opportunitäten.

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          Bei der jährlichen Influenza ist der Karneval ein zuverlässiger Indikator, um den Beginn einer zweiten Infektionswelle zu definieren. Dort trifft das Virus durch die bekannte Kontaktfreudigkeit der Karnevalisten auf perfekte Voraussetzungen. Das zeigt sich anschließend bei den gestiegenen Patientenzahlen in Arztpraxen und Krankenhäusern. In der gegenwärtigen Corona-Pandemie ist diese zweite Welle nicht so einfach zu definieren. Zum einen gibt es durch Kontaktbeschränkungen den Versuch der Eindämmung, die bei der saisonalen Grippe gar nicht erst versucht wird. Zum anderen ist schon die Infektion und nicht erst die Erkrankung das entscheidende epidemiologische Kriterium. Es werden somit nicht Kranke auf das Virus getestet, sondern Gesunde, die nach einer Infektion erkranken könnten. Das ist historisch einmalig, hat aber Konsequenzen: Es fehlen die Daten und Definitionen für eine zweite Welle. So kann man die aktuellen Zahlen lediglich als die durch den Lockdown aufgeschobene erste Welle interpretieren, als eine „Dauerwelle“, wie es der Bonner Virologe Hendrik Streeck einmal vorschlug. Oder halt als zweite Welle, wobei niemand weiß, wie man das Ende der ersten Welle überhaupt diagnostizieren kann.

          „Einordnen, um damit umzugehen“

          Mit diesem Problem beschäftigten sich im Kern der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und die Münchner Virologin Ulrike Protzner bei Dunja Hayali. Schließlich hat die fehlende Definition psychologische Konsequenzen bei den Bürgern. Der Begriff wird so zu einer Frage des Gemüts: Wer die gesundheitlichen Risiken fürchtet, sieht sich schon in der zweiten Welle. Wer diese eher niedrig bewertet, hält das alles für Panikmache. Auf dieser Grundlage muss die Politik handeln, was bisweilen an einen Drahtseilakt erinnert. Gestern Abend wurde aber deutlich, wie dieser durchaus gelingen kann. So war Ramelow schon immer ein Freund der klaren Aussprache, was nur bisweilen zu suboptimalen Ergebnissen führte. In dieser Pandemie hat er sich aber unter den Ministerpräsidenten als Realist profiliert, der als Antipode zum wackeren Ritter wider Covid-19 namens Markus Söder (CSU) gelten muss.

          Der Thüringer Ministerpräsident zeigte sich zwar von den jüngsten Zahlen „alarmiert“, wollte die aber „einordnen, um damit umzugehen.“ Anschließend legte er los: In Thüringen mit 2,1 Millionen Einwohner habe es in den vergangenen sieben Tagen 47 Neuinfektionen gegeben. Entsprechend warnte er davor, dass „Angst und Sorge“ unser Lebensgefühl dominieren könnten. Vielmehr ginge es darum, dieses Virus als unvermeidbares „Lebensrisiko“ zu verstehen, vergleichbar „mit dem Autofahren.“ Wobei das keineswegs mit Untätigkeit zu verwechseln ist. Ramelow will die in den vergangenen Monaten „trainierte Strategie“ bei einem expandierenden Infektionsgeschehen anwenden. Dabei übte er durchaus Kritik an manchen Auswüchsen der jüngsten Zeit, etwa die Meldedaten aus Gaststättenbesuchen für polizeiliche Ermittlungen zu verwenden. Oder die Anonymität der Corona-Warn-App über den Umweg von Hotlines aufzuweichen.

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