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TV-Kritik: „Die Spiegel-Affäre“ : Die tollkühnen Herren in ihren schicken Anzügen

Die „Mad Men“ aus Hamburg: Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph, Mitte) und seine Mannen Bild: Stephan Rabold

Im Oktober 1962 besetzte die Polizei die Redaktion des „Spiegel“. Magazingründer Augstein und seinen Redakteuren wurde „Landesverrat“ vorgeworfen. Ein Fernsehfilm zeigt, wie aktuell die Geschichte gerade heute wieder ist.

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          Rudolf Augstein ist sauer. Stinksauer. Monatelang hat sein Militärfachmann Conrad Ahlers an dieser Geschichte gearbeitet. Und was kommt dabei heraus? Sie ist langweilig. Seitenlang und stinklangweilig. Das wird keiner lesen, meint der Gründer des Magazins „Der Spiegel“ und sinkt zurück in die Kissen, neben seine Freundin.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Augstein täuscht sich. Die Story mit dem defensiven Titel „Bedingt abwehrbereit“ vom 10. Oktober 1962 wird zum berühmtesten Artikel der „Spiegel“-Historie. Sie markiert einen Wendepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie bringt Rudolf Augstein für 103 Tage hinter Gitter. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß machte in diesem Text nämlich einen Akt des Landesverrats aus. Im Herbst 1962, als alle dachten, die Kuba-Krise könne zum Dritten Weltkrieg führen, bahnte sich in der Bundesrepublik ein Wandel an - vom Adenauerschen Obrigkeitsstaat zur innerlich wehrhaften Demokratie.

          Rauchen, Saufen, Fremdgehen

          Mehr als fünfzig Jahre danach kommt ein Film ins Fernsehen, der uns diese Begebenheit erzählt und sich vornimmt, sie mit dem Hier und Jetzt zu verbinden. Das ist kein leichtes Unterfangen: Augstein, Strauß, der „Spiegel“, das „Sturmgeschütz der Demokratie“, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, das Nato-Manöver „Fallex 62“ - das klingt nach Zeitgeschichte für die Oberstufe. Doch sieht man genauer hin, tauchen die Parallelen zur Gegenwart sehr schnell auf, zu Edward Snowden und der NSA, zum „Guardian“ und den im Keller der Redaktion auf Geheiß der britischen Regierung zertrümmerten Festplatten, auf denen sich angeblich geheimes Material befand. Die Freiheit der Presse und der Zugriff des Staates - das ist das Thema. An der Konstellation hat sich nichts geändert, nur an den Mitteln.

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          Der Film beginnt in Schwarzweiß - mit der Razzia beim „Spiegel“ am 26. Oktober 1962. Die ließ bei vielen damals die Erinnerung an die Gestapo hochkommen, nicht von ungefähr: Im Justizapparat der Bundesrepublik herrschte damals an Leuten mit NS-Vergangenheit kein Mangel. Das Ende des Zweiten Weltkriegs lag erst siebzehn Jahre zurück, die Wiederbewaffnung acht Jahre, die Mauer war gerade gebaut, die Sowjets verschifften Raketen nach Kuba, und im Westen arbeitete man mit einem Szenario für den Dritten Weltkrieg, wo Westdeutschland binnen Stunden von den Sowjets überrannt wird. Keine Gegenwehr möglich, jedenfalls nicht mit konventionellen Waffen. Die Bundeswehr - und mit ihr die Nato-Verbündeten - waren das, was Conrad Ahlers im „Spiegel“ beschrieb: „bedingt abwehrbereit“. Was hieß: unbedingt überfordert.

          Das hatte den damaligen Verteidigungsminister und späteren bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß dazu verführt, die Bundeswehr atomar aufzurüsten. Der „Preemptive Strike“ war sein Mantra, der Präventivschlag mit Kernwaffen. Das war die Logik der gegenseitigen Vernichtung im Kalten Krieg: Wer als Erster auf den roten Knopf drückt, stirbt als Zweiter. Wer keinen roten Knopf hat, hat sowieso verloren. Zu gewinnen gibt es nichts, Europa wird zur verseuchten Wüste. Das war die Logik des Schreckens.

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          Vor diesem Hintergrund findet das Treffen von Franz Josef Strauß und Rudolf Augstein in dessen Villa statt, wobei Strauß zu viel trinkt und zu viel sagt. Am Ende ist Rudolf Augstein klar: „Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, dass dieser Mann Bundeskanzler wird.“ Das wird dem „Spiegel“ sogar gelingen, allerdings um einen sehr hohen Preis und weil Strauß Fehler macht. Er instrumentalisiert die Bundesanwaltschaft, hintergeht den Justizminister, ordnet die Festnahme des in Spanien urlaubenden „Spiegel“-Redakteurs Ahlers an, belügt das Parlament und - muss gehen. Dem Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde der Minister zu gefährlich.

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