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„Die Freibadclique“ im Ersten : Ihnen blieb nicht mal dieser eine Sommer

  • -Aktualisiert am

Die drei Freunde Onkel (Jonathan Berlin), Jumbo (Johannes Geller) und Bubu (Andreas Warmbrunn) schaffen es, sich vom „Volkssturm“ abzusetzen und nach Hause durchzuschlagen. Bild: SWR/Ivan Maly

Der ARD-Film „Die Freibadclique“ erzählt die Geschichte von fünf Jungs aus dem Jahrgang 1929. Ihre Jugend endet, noch bevor sie beginnt – im „Volkssturm“ der Nazis.

          Es ist Sommer in Schwäbisch Hall, ein heißer Sommer ohne Wolke am Himmel. Freibadwetter, Schulferien. Die Jungs hängen ab, oben auf dem Zehnmeterbrett, und warten auf Lore (Lili Epply). Wenn sie im roten Badeanzug aus der Umkleide kommt und die blonden Locken wippen, verlangsamt sich die Zeit. Zeitlupenräkeln, Zeitlupenblicke, Zeitlupenblinzeln. Onkel (Jonathan Berlin) und Knuffke aus Berlin (Theo Trebs) springen zu zweit mit ausgebreiteten Armen von ganz oben. Es gibt nichts Wichtigeres als Lores Aufmerksamkeit. Oder doch – die Musterung.

          Bubu (Andreas Warmbrunn), Hosenmacher (Laurenz Lerch) und Zungenkuss (Joscha Eißen) raunen. Bei der Musterung werde man gezwungen, den Aufnahmeantrag für die Waffen-SS zu unterschreiben. An Freiwilligkeit glaubt nur einer aus der Clique der fünf. Es ist Sommer, 1944. Onkel, Knuffke und die anderen sind fünfzehn Jahre alt, mitten in der Pubertät. Sie schmecken etwas Freiheit. Sie rauchen, schwärmen von Sex und träumen davon, eine Frau zu befriedigen. Bislang sind sie alle irgendwie durch den Krieg gekommen. Sie sind Jahrgang 1929, der Jahrgang, der in den nächsten Monaten als „Volkssturm“ bewaffnet mit lächerlichen Gewehren und vereinzelten Panzerfäusten nach kurzer Einweisung den Alliiertenvormarsch aufhalten soll. Kinder gegen Panzer und Armeen, Himmelfahrtskommandos und Kanonenfutter. „Bleibt übrig!“, meint Lore am Bahnsteig, als drei von ihnen mit der Wehrmacht zunächst an die Westfront gehen.

          Vom Soldaten zum Gangster

          Hosenmacher erwischt es als Ersten. Er wird von einem Kampfflugzeug beim Erleichtern auf offenem Feld getroffen. Schmähliches Ende statt Heldentod – nicht nur der Krieg, sondern auch der Tod ist erbärmlich, meinen die anderen, die auf Befehl des Führers in der Flussaue Gräben ausheben, die sofort geflutet sind. Eine Absurdität nach der anderen.

          Bubu (Andreas Warmbrunn) versucht erfolglos, sich bei der Musterung vor dem Untersturmführer (Andreas Lust) mit einer Ausrede durchzuschummeln.

          Der Untersturmführer (Andreas Lust) bei der Musterung hat sichtlichen Gefallen an den nackten Jungskörpern und quält den „Abschaum“, der „sich drücken wollte“, sadistisch. Die Sache, für die sie ausgezogen wurden (Karl Kraus, „Die letzten Tage der Menschheit“) ist verloren, „aber wir siegen, weil wir siegen müssen“. Der Sommer der vermeintlichen Freiheit wird zum Sommer von Blut und Dreck. Mit Chuzpe erschleichen sich Onkel und Bubu eine Heimfahrkarte von der Westfront, desertieren aus dem „Volkssturm“ und treffen Knuffke wieder, der mit den Amerikanern Gangstergeschäfte macht. Im Sommer 1945, als die Schule wieder beginnt, sind die meisten Bänke leer.

          Oliver Storz, der als Drehbuchautor und Regisseur Preise gewonnen hat und 2011 verstarb, war selbst einer der Jungs des Jahrgangs 1929 aus Schwäbisch Hall. Seinen erzählerisch dichten, autobiographischen Roman „Die Freibadclique“ hat Friedemann Fromm (Buch und Regie) emotional und bildstark verfilmt. Als der Krieg zu Ende war und Deutschland befreit, waren aus den überlebenden Jungs Sechzehnjährige geworden, die mit jugendlichem Selbstbestimmungsüberschwang nichts mehr zu tun hatten.

          Der Kameramann Anton Klima findet für das anfangs trotz des Wissens von zahlreichen Greueln unbeschwerte Lebensgefühl immer das sinnlichste Bild, so scheint es. Während der Musterung verirrt sich eine Taube in die Turnhalle und findet unter Gejohle der Jungs in Panik ihren Weg ins Freie. In schwarzem Licht, gespiegelt von einer Pfütze, sieht Onkel einen Käfer auf dem Rücken um sein Leben strampeln. Auch er findet wieder auf die Beine. Knuffke, der im zweiten Teil des Films Gangsterliebchen Gunda (Vica Kerekes) und Captain McKee (Karel Dobrý) bei Nacht in Clubs und im Lager der „Displaced Persons“ bei Schweinereien im großen Stil hilft, gerät von einer Lebensgefahr in die nächste.

          „Die Freibadclique“ vermittelt den Wechsel der Zeiten auch ästhetisch. Vom chronistischen Kriegsdrama in hellem, überdeutlichen Licht wird es vorwiegend regnerisch obskur und dunkel wie im Film noir, und sachlich-melodramatisch wie in Raymond-Chandler-Verfilmungen. Einsame Trompeten (Musik Annette Focks) vermitteln Eindrücke des Verlorenseins und großer, vergeblicher Liebe

          Jonathan Berlin und Theo Trebs geben als Onkel und Knuffke vor allem der bitteren Ironie des Überlebens ihr Gesicht. Zwei haltlose Davongekommene, kaum sechzehn oder etwas älter, ideologieavers, befreit, aber wofür? Vom Freibadturm springen sie nach dem Krieg allein. „Die Freibadclique“ erzählt ihre Geschichte unpolitisch, aber nicht naiv. Der Film gestaltet sie als ästhetisch überlegte Mitempfindungserfahrung, ganz aus der Jungenperspektive. Das ist seine Stärke.

          Die Freibadclique, heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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