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TV-Kritik: „Die Auserwählten“ : Unter Kinderschändern

Ulrich Tukur als Schulleiter Pistorius: Die Grenzen zwischen geheucheltem Verständnis und Brutalität sind fließend. Bild: WDR/Katrin Denkewitz

Zwei Paar Schuhe vor der Duschkabine: Der Spielfilm „Die Auserwählten“ vermittelt das Grauen des Missbrauchs, ohne ihn direkt zu zeigen - eine Fiktionalisierung mit Tiefe und Wucht.

          In einer Szene steht der dreizehnjährige Frank mitten in der Nacht und sehr betrunken auf einem Fenstersims. Er starrt in den Abgrund, wo der Tod wartet, doch der kann niemals so schlimm sein wie der sexuelle Missbrauch durch seinen Lehrer, den der Junge beinahe täglich über sich ergehen lassen muss. Frank (Leon Seidel) wird gerettet. Ein paar Schüler halten ihn auf. Sein Martyrium geht weiter.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Schule, von der in diesem Film die Rede ist, ist nicht irgendeine, es ist die Odenwaldschule, und der Lehrer und Leiter dieser reformpädagogischen Vorzeigeinstitution, die von der linken Elite bejubelt wird, heißt Simon Pistorius (Ulrich Tukur). Es ist das erste Mal, dass der Skandal an der Odenwaldschule, wo über Jahrzehnte hinweg mindestens 132 Kinder missbraucht worden sind, in ein Spielfilmformat verpackt wird. Darf man das? Ja, man darf, jedenfalls, wenn es gelingt, der Fiktionalisierung jene Tiefe und Wucht zu verleihen wie es der am Originalschauplatz in Oberhambach gedrehte Film „Die Auserwählten“ (Drehbuch Benedikt Röskau und Sylvia Leuker, Regie Christoph Röhl) tut.

          Die siebziger Jahre neigen sich ihrem Ende zu, und die junge, motivierte Biologielehrerin Petra Grust (Julia Jentsch) tritt ihre Stelle an der Odenwaldschule an. Die Bedürfnisse der Kinder stünden hier an erster Stelle, heißt es. Vom pädagogischen Eros ist die Rede und davon, dass man fern jeglicher Machtstrukturen auf Augenhöhe kommuniziere. Petra Grust betritt eine vermeintlich harmonische Welt: man wohnt in sogenannten Familien, Schüler und Lehrer pflegen einen lockeren Umgang, wozu das Herumalbern ebenso gehört wie das gemeinsame Duschen oder sich Betrinken.

          Festungsartige Pistorius-Front

          „Werde, der du bist“, lautet der Leitspruch. Fixpunkt des Schulkosmos ist der an den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker angelehnte Simon Pistorius, ein Menschenfänger und Manipulationsgenie. Der gerne beigefarben gekleidete Pistorius legt seinen Arm um Kinderschultern, streicht beiläufig über Köpfe, berührt, wo er kann. Pistorius ist ein perfider Täter, geschickt pirscht er sich an seine Opfer heran. Ulrich Tukur spielt diese Figur brillant. Die Grenzen zwischen geheucheltem Verständnis und Brutalität sind fließend. „Neue Woche, neues Glück“, sagt Pistorius einmal, und man ahnt, was er damit meint.

          Dass die Szenen des Missbrauchs nur angedeutet werden, verstärkt das Grauen: Da sind die Kinderschuhe vor der Duschkabine, während das Wasser läuft, da liegt der kleine Volker (Nico Kleemann), der später Selbstmord begehen wird, schluchzend unter der Bettdecke. Und am Himmel über der Odenwaldschule scheint immerzu die Sonne. Als Petra Grust dem jungen Frank zum ersten Mal begegnet, mag sie ihn für einen pubertierenden Teenager halten und seinen Trotz für eine Spielart der Rebellion. Tatsächlich aber muss sie erkennen, dass sie einen zutiefst beschädigten Jungen vor sich hat. Nur: Am Ende richtet sie trotz aller Versuche gegen die festungsartige Front aus Pistorius-Verbündeten wenig aus.

          Das Netzwerk der Macht funktioniert. Petra Grust ist keine Heldin. Die Helden, dass sind Jahrzehnte später die Opfer, denen die letzten Szenen gehören: Frank ist erwachsen (Patrick Joswig), der Missbrauchsskandal von einst schlägt in den Medien Wellen. Unter dem Motto „gegen Verdrängen und Vergessen“ veranstaltet die Schule eine Anhörung, und Frank erzählt vom erlittenen Missbrauch. Er ist nicht der Einzige, der das Schweigen bricht - und dieses Mal werden die Opfer gehört.

          Lesen Sie hier mehr über die Entstehungsgeschichte des Films

          Das sagen Betroffene zum Film

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