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TV-Kritik „Anne Will“ : Wenn David und Goliath die Rollen tauschen

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen die Diesel-Fahrverbote und die entsprechenden Grenzwerte. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die Debatte um Diesel-Fahrverbote und die Grenzwerte erhitzt die Gemüter. Bei Anne Will zeigt sich, dass die etablierte Schlachtordnung zwischen Politik, Umweltverbänden und kritischen Wissenschaftlern nicht mehr existiert.

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          Als die Umweltbewegung in den Kinderschuhen steckte, hatte sie ein zentrales Problem: In der etablierten Wissenschaft fand sie kaum jemanden, der ihre Anliegen ernst nahm. Das war in der Energiepolitik besonders gut zu beobachten. Dort hatte sich bis Anfang der 1970er Jahre ein Konsens von Politik, Wirtschaft und Wissenschaftlern zum Ausbau der Atomenergie entwickelt. Gegenstimmen gab es kaum noch. Das änderte sich als sich in der Umweltbewegung mit Unterstützung kritischer Wissenschaftler eine Gegenöffentlichkeit artikulierte. Plötzlich traf der Experte auf den Gegenexperten, der dessen Annahmen nicht mehr einfach akzeptierte.

          Das ist vorbei. Die Vertreter des wissenschaftlichen Mainstreams der 1960er Jahre sind schon lange tot, und die Anhänger der Atomenergie bei uns mittlerweile eine verschwindende Minderheit. Die Umweltbewegung ist heute nicht mehr der David, der heroisch gegen den Goliath früherer Jahre kämpft. Vielmehr hat sie mit ihrem Marsch durch die Institutionen bisweilen sogar deren Kommandohöhen besetzt. Das geht weit über die Partei der „Grünen“ hinaus, wie der Konsens zum gleichzeitigen Ausstieg aus der Atomenergie und der Kohleverstromung deutlich macht. Die Umweltbewegung protestiert nicht mehr nur, sondern hat entscheidenden Einfluss auf die politischen Weichenstellungen in diesem Land. Deren Durchsetzungsfähigkeit hat nicht zuletzt die „Deutsche Umwelthilfe“ mit ihren Klagen gegen die Überschreitungen des Stickoxid-Grenzwertes bewiesen.

          Was das für die politische Debatte bedeutet, war dieses Mal in der Sendung von Anne Will zu erleben. Will und ihre Gäste diskutierten über diese umstrittenen Grenzwerte. Dabei hatten sich die Zuschauer doch an eine etablierte Schlachtordnung gewöhnt: Politiker verabschieden Grenzwerte. Diese werden anschließend von Umweltverbänden mit Unterstützung von Wissenschaftlern für ihre Laxheit kritisiert. Das hat sich erstmals verändert. Plötzlich kritisieren mehr als einhundert Lungenärzte und Wissenschaftler einen Grenzwert aus der entgegengesetzten Perspektive. Er wäre schlecht begründet und der volkswirtschaftliche Schaden höher als der gesundheitspolitische Nutzen. So trafen David und Goliath in neuer Besetzung aufeinander.

          Goliath war in Gestalt des Epidemiologen Heinz-Erich Wichmann erschienen. Er hatte nicht zuletzt mit seinen Forschungsergebnissen zur Formulierung des aktuellen Grenzwertes beigetragen. David kam aus Schmallenberg im Sauerland: Dieter Köhler ist Facharzt für Lungenheilkunde und war Präsident der Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Er gehörte zu den Initiatoren des Aufrufs der einhundert Lungenärzte. Den fachlichen Disput kann man so beschreiben. Wichmann sieht auf Grundlage seiner epidemiologischen Studien eine Gesundheitsgefährdung, wenn der mittlerweile berühmte Jahresmittelwert von 40 μg/m3 überschritten wird. Köhler bezweifelt dagegen die Toxitizität dieser Belastung für den menschlichen Körper. Dafür dient ihm der Raucher „als Modell“, nicht als Empfehlung, so das bisweilen zu hörende Missverständnis. Dieser inhalierte nämlich in nur sechs Wochen exakt jene Stickoxid-Dosis, die ein Nicht-Raucher hinnehmen müsste, wenn er sein ganzes Leben neben der Messstation für Stickoxid am Stuttgarter Neckartor verbringen würde. Offenbar stehen epidemiologische Befunde in einen Widerspruch zu toxikologischen Erkenntnissen.

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