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TV-Kritik: „Anne Will“ : Wofür braucht die Politik die Wissenschaft?

  • -Aktualisiert am

Auch in der Sendung von Anne Will diskutierten die Gäste über die Möglichkeiten zur Einhegung des Coronavirus. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Viele Politiker haben den Sinn wissenschaftlicher Beratung nicht verstanden. Das wurde in der Talkshow von Anne Will deutlich. Es geht nicht um die Legitimation politischer Entscheidungen, sondern darum, Optionen für politisches Handeln zu finden.

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          Die Zuschauer bekommen nicht jeden Tag einen Einblick in die Krisenberatungen zum Coronavirus. Das durften sie aber beim nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) erleben. Er hatte in der Talkshow von Anne Will am Sonntagabend einen bemerkenswerten Dialog mit Alexander Kekule, Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

          Es ging um das, was Laschet unter den „Primat der Wissenschaft“ versteht. Damit legitimierte er die seit vergangenen Donnerstag plötzlich doch mögliche Schließung der Schulen und Kitas in Deutschland. Die Virologen hätten schließlich bis dahin gesagt, das „wäre nicht nötig.“ Worauf Kekule erstaunt fragte, ob „jetzt die Virologen Schuld seien?“ Schließlich habe man immer auf die fehlende Kinderbetreuung hingewiesen, wo es anschließend „in der kritischen Infrastruktur zu wenig Leute“ gäbe. Was jetzt wohl nicht mehr passieren wird.

          „Naturkatastrophe in Zeitlupe“ oder „größter Unsinn“?

          Doch es wurde noch besser: Plötzlich kam Laschet zu einer weiteren Interpretation der Beratungen vom vergangenen Donnerstag: „Weder das RKI (Robert-Koch-Institut), noch die anderen Kollegen haben gesagt: Schließt die Schulen. Wir haben das trotzdem gemacht.“ So wusste niemand mehr, was die Berater der Bundesregierung gesagt haben, oder auch nicht. Vielleicht hatten sie sich auch nur unklar ausgedrückt.

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          Das war ein erstaunlicher Dialog, weil sie nicht dem bisherigen Bild entsprachen. Nach dieser Sichtweise ändert sich alles so schnell, dass heute schon falsch sein kann, was gestern noch richtig war. Und danach hätten die Berater, also vor allem der Präsident des RKI, Lothar Wieler, und der Berliner Virologe Christian Drosten auf Grundlage „neuer Studien“ ihre Meinung zu Schulschließungen geändert. Laschet gab den bis dahin hochgelobten wissenschaftlichen Beratern der Bundesregierung die Verantwortung für die andauernden Positionswechsel der Politik.

          Kekule machte aus seiner Meinung über den Berliner Kollegen Drosten keinen Hehl. Dessen Aussage, wir hätten es mit einer „Naturkatastrophe in Zeitlupe“ zu tun, nannte er den „größten Unsinn.“ Wissenschaftlern ist Eitelkeit zwar nicht fremd, bisweilen können sie wahrscheinlich mit Hollywood-Größen konkurrieren. Es geht auch keineswegs darum, dem Hallenser Virologen in jedem Punkt zuzustimmen. Vielmehr wurde in dieser bemerkenswerten Sendung deutlich, dass wesentliche Teile unserer Politik den Sinn wissenschaftlicher Beratung nicht verstanden haben. Sie soll nicht politische Entscheidungen legitimieren, sondern der Politik Optionen für ihr Handeln anbieten.

          Nicht rechtzeitig auf Notstand vorbereitet

          Bei Anne Will zeigte sich der Unterschied zwischen Kekule und seinen Kollegen. Er hatte seit dem Ausbruch der Krise eine kohärente Krisenanalyse, wofür er nicht jeden Tag vermeintlich neue Erkenntnisse über das desaströse Potential dieser Pandemie brauchte. Kekule warnte früh vor dem Fehlschluss bezüglich des Vergleichs mit einer saisonalen Grippe. Er forderte Einreiseverbote aus China, und Fieberkontrollen an den Flughäfen, als das RKI noch keine Gefahr für die Bundesrepublik sah. Er forderte Schulschließungen als die ausfallende Kinderbetreuung noch als ein unüberwindliches Hindernis galt.

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