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TV-Kritik „Anne Will“ : Zwischen Kuschelkurs und politischem Selbstmord

  • -Aktualisiert am

Anne Will und ihre Gäste diskutieren den Ausgang der Thüringen-Wahl. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

An einem bemerkenswerten Wahlabend wird auf allen Kanälen vor allem eine Frage diskutiert. In der Talkshow von Anne Will geben zwei Gäste zudem tiefe Einblicke in ihre Gefühlswelt.

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          Zuerst die beiden positiven Nachrichten des Tages, wenigstens aus journalistischer Perspektive. Der Thüringer AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke gibt dem ZDF überraschenderweise noch Interviews, trotz der gegenteiligen Bekundungen vor wenigen Wochen. Außerdem hat Bodo Ramelow (Linke) keines seiner vielen Interviews am Wahlabend abgebrochen, weil ihm eine Frage nicht gefallen hat. Das war in der Vergangenheit schon mehr als einmal vorgekommen.

          Dafür gab es für den Thüringer Ministerpräsidenten auch keinen Grund: War er doch zusammen mit Höcke der strahlende Wahlsieger. Beide durften sich sagen, alles richtig gemacht zu haben. Wobei Ramelow das als persönlichen Erfolg verbuchen durfte, im Gegensatz zum AfD-Spitzenkandidaten. Das AfD-Wahlergebnis lag im Trend der bisherigen Landtagswahlen in Ostdeutschland. Wogegen Ramelow das beste Ergebnis seiner Partei in der Geschichte zu einem Zeitpunkt erzielte, wo die Linke in ihren früheren Hochburgen in Brandenburg und Sachsen desaströse Niederlagen hinnehmen musste.

          „Weiterhin ausschließen“ oder „neu entscheiden?“

          Dafür sahen die anderen Parteien recht betrübt aus. Die als „Mitte“ apostrophierten Parteien haben verloren, mit Ausnahme der FDP. CDU, SPD, Grüne und FDP können nicht einmal mehr mit vereinten Kräften eine Regierung bilden, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik. Das bestimmte den Blick auf diese Landtagswahl.

          Entsprechend diskutierte man auf allen Kanälen den Begriff der Mitte und philosophierte über das Wesen bürgerlichen Selbstverständnisses. Die passenden Daten lieferten die mit ARD und ZDF kooperierenden Wahlforschungsinstitute. Für das Erste war Infratest-Dimap am Start und Jörg Schönenborn berichtete über die Ergebnisse der Nachwahlbefragung.

          Dort stellten die Wahlforscher unter anderem folgende Frage: „Sollte die CDU eine Koalition mit der Linken weiter ausschließen?“, nämlich wenn ohne Linke und AfD keine Koalition gebildet werden kann. Zwei Antworten waren möglich: „Weiterhin ausschließen“ oder „neu entscheiden.“ Wer hat schon etwas gegen das dem „neu entscheiden“ innewohnende abermalige Nachdenken? Sagt es doch über deren Inhalt nichts aus. Wer sich neu entscheidet, kann sich wie gewohnt entscheiden. So bevorzugten 68 Prozent der CDU-Wähler die Antwort zwei. Deshalb hätte es besser heißen müssen: „Weiterhin ausschließen“ oder „Mit der Linken koalieren.“ Dazu die Möglichkeit der Enthaltung für die Wähler, die sich neu entscheiden wollen. Die wird es sicher auch geben.

          Immerhin lässt sich auf dieser „empirisch“ genannten Grundlage jene Frage diskutieren, die vor allem die Zeitgenossen beschäftigt, die noch nie CDU gewählt haben. Soll sie in Erfurt der Juniorpartner in einer Koalition mit der Linken werden? Bei Anne Will kam das zur Sprache. Etwa weil Ramelow nicht als Linker, sondern als politische „Ich-AG“ aufgetreten sei, so beschrieb die Publizistin Ines Geipel dessen Wahlkampf.

          Ansonsten empfand sie das Wahlergebnis als einen „traurigen Tag.“ Mit einer ostdeutschen Spezifik, der sich in Thüringen zwischen dem „Kuschelkurs“ des Ministerpräsidenten und der „Radikalisierung“ der AfD ausdrückte. Nur ist das Kuscheln eine herausragende politische Leistung. Vor allem, wenn man bedenkt, wie vor fünf Jahren die erstmalige Wahl eines linken Ministerpräsidenten in Teilen der Publizistik kommentiert worden war. Der real nicht mehr existierende Sozialismus wurde in Erfurt nicht eingeführt, ansonsten hätte das Kuscheln nicht funktioniert. Trotzdem mühte sich Sahra Wagenknecht (Linke) den Wahlsieg Ramelows mit den programmatischen Überzeugungen ihrer Partei in Übereinstimmung zu bringen. Zuviel Kuscheln mit den Wählern gilt bei Linken traditionell als gefährlich für das ideologische Selbstverständnis, wie Frau Wagenknecht in den vergangenen Jahren selber erleben durfte. Sie wurde in ihrer eigenen Partei wegen ihrer Position in der Flüchtlingskrise als Rassistin denunziert.

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