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TV-Kritik: „Anne Will“ : Wende in der Schicksalswahl?

  • -Aktualisiert am

Fehlende Abgrenzung

Polarisierung ist also nicht kostenlos zu haben: Sie vergiftet als extreme Zuspitzung den politischen Diskurs. Ansonsten wurde bei Frau Will nur über ein Thema namens „Abgrenzung“ diskutiert. Es ist das probate Mittel im parteipolitischen Kampf zur Mobilisierung der jeweiligen Anhängerschaft. Meuthen grenzte sich von allen ab, selbstredend auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Insofern hatte er es recht komfortabel, weil natürlich niemand auf die Idee kam, seine fehlende Abgrenzung von den europäischen Rechtsparteien zu thematisieren.

Das kritisierten Ska Keller und Katarina Barley an Weber. Schließlich habe der österreichische Bundeskanzler erst die FPÖ mit der Regierungsbeteiligung „salonfähig“ gemacht, wie es Ska Keller ausdrückte. Weber konterte mit der fehlenden Abgrenzung der Sozialdemokraten von Linksradikalen. Wenn die rot-grünen Politikerinnen „Orban“ nannten, durfte Weber die fehlende Abgrenzung von „Tsipras“ beklagen.

So waren alle drei Politiker damit beschäftigt, aus dem FPÖ-Skandal für sich selbst parteipolitischen Honig zu saugen. Um aber zehn Minuten vor dem Ende der Sendung als große Koalition gemeinsam darüber zu klagen, dass die inhaltlichen Debatten über die Zukunft der EU wieder einmal zu kurz gekommen waren. Auf die Idee, dass es etwas mit ihrer eigenen Polarisierungsstrategie gegen die AfD zu tun haben könnte, kamen sie gar nicht. Wobei Populisten aller Lager dieses Instrumentarium schon immer bespielen konnten.

Überrascht über die schnellen Rücktritte

So wirkte der Journalist Knobbe in dieser Konstellation etwas deplaziert, weil er sich als einziger um Sachlichkeit bemühte, wo alle anderen verständlicherweise im Wahlkampfmodus waren. Er stellte die richtigen Fragen, etwa zu den Russland-Verbindungen der Rechtsparteien oder zu der immer noch ungeklärten Parteispendenaffäre der AfD. Man kann es mit der Sachlichkeit aber übertreiben, wenn der „Spiegel“-Redakteur sein demonstratives Desinteresse an den Hintermännern dieser Ibiza-Videos bekundete. Sein Quellenschutz bezieht sich lediglich auf die Personen, die den beiden Medien zwei USB-Sticks mit dem Material überließen. Sie trafen sich unter konspirativen Umständen in einem verlassenen Hotel. Videoaufnahmen werden hoffentlich nicht existieren. Das widerspräche der für solche Transaktionen erforderlichen Vertraulichkeit.

Aber natürlich kennen die Redakteure vom „Spiegel“ und der „Süddeutschen Zeitung“ das Problem: Sie werden zu Erfüllungsgehilfen des politischen Kalküls von Leuten, die sie offenbar nicht kennen. Diese haben mit geheimdienstlicher Raffinesse die „kriminellen Akte“ begangen, die Habeck zurecht so definierte. Und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zwei Jahre lang zurückgehalten. Knobbe war überrascht über die schnellen politischen Konsequenzen: Strache ist von allen Ämtern zurückgetreten, Gudenus sogar aus der FPÖ ausgetreten. Es gehört normalerweise zur Dramaturgie solcher Skandale, dass die Betroffenen erst leugnen, um anschließend den eigenen Widersprüchen zum Opfer zu fallen.

Welche Rolle spielt das „Zentrum für politische Schönheit?“

Genauso ungewöhnlich sind die Einlassungen der deutschen Agitprop-Truppe namens „Zentrum für politische Schönheit“ zu dieser Affäre. Sie wollen sich zu ihrer möglichen Rolle seltsamerweise erst äußern, „wenn der österreichische Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) zurückgetreten ist.“ Auf die Idee kam der zwanzigjährige Täter nicht, der die Daten von Habeck und anderen Prominenten klaute – und veröffentlichte.

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