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TV-Kritik: „Anne Will“ : Warum plötzlich alle die Grünen mögen

  • -Aktualisiert am

Anne Will und ihre Gäste Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die CDU sucht eine neue Führung. Die SPD debattiert über ihre programmatische Substanz. Bei „Anne Will“ zeigte sich, warum die Grünen auf einmal für Vernunft stehen.

          Die SPD hat an diesem Wochenende in Berlin ein Debattencamp veranstaltet, bei dem die Redaktion von Frau Will einige Stimmen eingefangen hat, die Zweifel daran äußern, welchen Kurs die eigene Partei einschlagen wird. Erstaunlich. Da wird die Vorsitzende deutlicher werden müssen. Es zeigt sich aber, dass der Ausschied von Andrea Nahles aus der Regierung weitsichtig war und ihr neuen Spielraum erschließt, auch wenn aktuelle Umfrageergebnisse das noch nicht honorieren.

          Erst einmal aber gibt es ein kleines Zwischenspiel zur Führung der CSU. Es sieht so aus, als ob Horst Seehofer sich vom CSU-Parteivorsitz zurückziehe und auch sein Amt als Innenminister nicht bis zum Ende der Koalition wahrnehmen werde. Das ist so ein Seehoferscher Orakelspruch, der vielleicht mehr über das Ende der Koalition als das seiner eigenen Amtszeit aussagt. In Bayern kommt dieses Schillern nicht gut an, auch im Bund nicht. Verlässlichkeit steigt auch in Fragen von Karriereenden im Kurs.

          Frau Nahles hält nüchtern fest, dass der Richtungsstreit der Union die Arbeit der Regierung beeinträchtigt hat. So kann man das zusammenfassen. Ob mit dem Führungswechsel in beiden Unionsparteien die Umfragewerte wieder die Richtung wechseln, bleibt abzuwarten. Als dieses Thema im Kreis der Beteiligten hin- und hergedreht wird, schaut Jürgen Trittin zu, als sei er dazu bereit, als Aushilfsbeichtvater zu amtieren. Nur was wäre ihm zu beichten? Welche Sünden kämen zur Sprache?

          Man könnte an den ersten Korintherbrief erinnern, mit der Ermahnung des Apostels, niemand betrüge sich selbst. Dann wäre Peter Altmaier mit dem Satz dran, Hauptsache, es sei klar, wofür die Union stehe. Vielleicht war das ja auch nur ein Stoßseufzer, denn der Wahlkampf der Kandidatin und der Kandidaten, den sie derzeit vornehmlich über eine Boulevardzeitung austragen, blinkt in alle Richtungen. Alle Kandidaten gehen auf Distanz zu ihrem bisherigen Image. In den achtzehn Jahren, die Angela Merkel Vorsitzende der CDU war, hatte die SPD acht Parteivorsitzende und zwei vorübergehend amtierende Chefs.

          Seehofers Dilemma ist nicht mehr die jüngste Vergangenheit, sondern das begrenzte Mandat. Wie lange lässt ihn seine Partei noch so tun, als genieße er ihr Vertrauen? Christoph Schwennicke vom “Cicero“ wirft ein, die CDU könne froh sein, wenn sie noch solche Ergebnisse erzielte wie die CSU kürzlich. Sein Gedächtnis reicht nicht bis 2013 zurück, als Frau Merkel für die Unionsparteien 41,5 Prozent einfuhr.

          Wird der parteiinterne Wahlkampf der Union wieder zu einem Profil verhelfen, das mehr als nur ein entschiedenes Sowohlalsauch bezeugt? Frau Nahles hat keinen Grund, sich darüber zu beschweren. Im Gegenteil kann die SPD froh darüber sein, wenn die Union wieder ein klareres Profil bekäme. Im übrigen haben die Regierungsfraktionen kürzlich einige Projekte ihrer Koalition in Gesetzespakete geschnürt. Dass das bei den Wählern noch nicht so bekannt scheint, ist eine schöne Aufgabe für die Parteizentralen.

          Ferkel betäuben

          Christoph Schwennicke kippt etwas Salz und Pfeffer in die offenen Wunden der SPD und erinnert an ein Radiointerview des Fraktionsvize Matthias Miersch, der sich in der vergangenen Woche mit wärmsten Worten im Deutschlandfunk gegen die betäubungslose Kastration von Ferkeln aussprach, obschon die Regierung gerade ihr Rentenpaket durch den Bundestag gebracht hatte. So kann man sich auch verkämpfen. Schwennicke beschreibt das Wackelbild als Ergebnis einer suizidalen Funktionärsschicht, die sich von dem Wählerklientel ihrer Partei abgekoppelt habe.

          Beichtvater Trittin gibt zu bedenken, dass beides löblich sei: stabile Renten und anständige Behandlung von Tieren. Damit spielt er über Bande und zeigt, was die Grünen derzeit so erfolgreich macht. Sie zeigen in allen Politikfeldern pragmatische Vernunft. Die Zeiten grüner Störfeuer sind vorbei. Wer kann, ohne in Verlegenheit zu geraten, die derzeitige Dieselpolitik der Bundesregierung und ihrer nachgeordneten obersten Bundesbehörden zusammenfassen? Das gelingt nicht einmal den kraft ihrer Ressorts zuständigen Ministern.

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