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TV-Kritik „Anne Will“ : Wenn wir uns sicher fühlen, erlauben wir uns ein bisschen Wahn

Die Runde bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Müssen wir die Sorgen der besorgten Bürger ernst nehmen? In der Talkshow von Anne Will geht es um Analogien zur Flüchtlingsdebatte – wo es doch eigentlich um ganz anderes gehen sollte.

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          Muss die Regierung ihre vermeintlich alternativlose Politik besser erklären? Muss man die Sorgen der Protestierenden ernst nehmen? Schlagen rechte Parteien Kapital aus den Ängsten der Abgehängten? Bei Anne Will sollte es eigentlich um die Verhältnismäßigkeit der Grundrechtseingriffe in der Corona-Pandemie gehen. In der Diskussion rücken aber vor allem jene Fragen in den Vordergrund, die schon in der Flüchtlingskrise die Talkshows beherrschten.

          Patrick Schlereth

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Ähnlich wie damals bei Pegida fragt man sich auch bei dieser Sendung, ob nicht eine laute Minderheit das Thema diktiert, während die Mehrheit eigentlich ganz zufrieden ist. 66 Prozent der Deutschen, so erfahren wir im Einspieler zu Beginn, halten die Maßnahmen der Regierung gegen die Pandemie für „gerade richtig“, für 15 Prozent sind sie „zu schwach“, nur 17 Prozent finden sie „übertrieben“. Man fragt sich zudem, warum die Proteste gerade dann aufkommen, wenn die Maßnahmen auf dem Weg der Lockerung sind. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt es das „Unverhältnismäßigkeitsparadox“: Weil die Maßnahmen gewirkt haben, erscheinen sie im Nachhinein als unverhältnismäßig. Wenn wir uns nur sicher genug fühlen, erlauben wir uns doch ein bisschen Wahn.

          Unterwandert von Populisten

          Doch was ist das eigentlich für ein bunter Haufen aus rechten Agitatoren, linken Aktivisten, wirtschaftlich Abgehängten, Impfgegnern und Aluhutträgern, der die Maßnahmen „übertrieben“ findet und bei den sogenannten „Hygiene-Demos“ zusammen auf die Straße geht? Aus der Praxis berichtet der Journalist Olaf Sundermeyer, Investigativ-Reporter beim rbb und Kenner der rechten Szene. Nach dem Besuch mehrerer Corona-Demos ist die Sache für ihn klar: „Es sind nicht Taxifahrer und Kellner, die auf die Straße gehen.“ In der Breite seien die Demonstrationen von Populisten unterwandert, die die Ängste in der Bevölkerung auszunutzen wüssten. Man habe es zum Teil mit denselben Akteuren wie bei den Flüchtlingsdemos zu tun.

          Ist der Corona-Lockdown also nur ein vorgeschobener Vorwand aus der rechten Ecke, um Stimmung zu machen gegen die Elite? Sahra Wagenknecht von der Linkspartei warnt vor einer vorschnellen Verurteilung besorgter Bürger, habe man den gleichen Fehler doch schon in der Flüchtlingskrise gemacht. Zwar habe niemand das Recht auf Freiheit, wenn er damit andere schädige, doch man müsse auch die sozialen Folgen der Krise im Blick behalten. „Es gibt Millionen Menschen im Land, die von der Politik in der Krise im Stich gelassen werden.“ Auch Pörksen warnt vor Pauschalurteilen über die Demonstrationsteilnehmer. Er ruft die „dritte Polarisierungswelle“ nach der Flüchtlings- und der Klimadebatte aus und mahnt zum „differenzierten Diskurs“, denn „die Demonstranten gibt es nicht.“ Immerhin konsumierten 30 Prozent der Menschen Medien, die „corona-kritisch“ informierten, das „Milieu der Aufbegehrer“ liege bei 20 Prozent.

          Mit solchen akademischen Zahlenspielereien kann Sundermeyer wenig anfangen. Die Protestforschung habe „auf dem Höhepunkt der Pegida-Proteste vollkommen versagt. Es gibt keine validen empirischen Erkenntnisse“, und auch über die Corona-Demos sei wenig Erhellendes von der Forschung zu erwarten. Einen Seitenhieb gibt es noch für Wagenknecht, die die Corona-Demo in Stuttgart, von der sie zuvor erzählte, vermutlich nicht einmal besucht habe. Lob hat Sundermeyer dagegen für den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer übrig, der sich am Samstag in Dresden ohne Maske der Wut von Demonstranten stellte. Sein Vorgänger Stanislaw Tillich sei mit den Pegida-Protesten weniger souverän umgegangen, daher habe es ihn „aus dem Amt gefegt“.

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