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TV-Kritik „Anne Will“ : Nicht mal mehr streiten Seit an Seit

  • -Aktualisiert am

Fragen von Anne Will an SPD-Vize Olaf Scholz: Wie geht es mit der SPD, wie mit der Koalition weiter? Bild: dpa

Was wird aus der SPD? Was aus der großen Koalition nach dem Rücktritt der SPD-Chefin Nahles? Bei Anne Will wird klar: Dass die Nerven blank liegen, ist keine Einladung dazu, sie zu verlieren, wenngleich zwei Gäste viel versprechen.

          Der angekündigte Rücktritt von SPD-Chefin Andrea Nahles ist ein Paukenschlag. Kein Wunder, dass sich Anne Will mit ihrer Sendung diesem Thema widmet. Doch was passiert hier eigentlich? Haben die politischen Akteure den Schuss nun endlich gehört? Und sind sie überhaupt in der Lage, angemessen darauf zu reagieren?

          Es ist 50 Jahre her, dass mit Claus Offe ein Politikwissenschaftler etwas Interessantes festgestellt hat. Noch bevor der Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome erschien, beschrieb Offe ein Phänomen, das er „horizontale Disparität von Lebensbereichen“ nannte. Politische und wirtschaftliche Konflikte wurden bis dahin durch zwei Fähigkeiten bearbeitet: die Organisationsfähigkeit, die darauf zielt, durch gleichgelagerte Interessen auf Problemlagen mit gemeinsamen Konzepten zu antworten; und die Konfliktfähigkeit, die darin besteht, dass zum Beispiel Gewerkschaften mit Streiks oder Streikdrohungen Lohnforderungen durchsetzen.

          Offe erkannte eine Ungleichgewicht in denjenigen Bereichen, die im Abseits von politischen und wirtschaftlichen Interessen liegen und zu Problemen werden könnten. Weitsichtig sah er voraus, dass in solchen Feldern neue soziale Bewegungen entstehen würden. Zehn Jahre später gründete sich die Grüne Partei, anfangs eine krude Mischung aus Bewegungs- und Parlamentspartei, noch heute können sie beides, was nicht ihr Nachteil sein muss.

          Mit den „Fridays for Future“ betritt derzeit ein neuer Spieler das politische Feld. Sie bezeugen eine Fähigkeit, auf das politische System und die wirtschaftlichen Akteure durch Kommunikation einzugehen. Sie nutzen dafür alle Instrumente der analogen und der digitalen Kommunikation geradezu virtuos. Auf das immer noch bedrückend konventionell organisierte politische Machtgefüge wirken sie wie Aliens und bewirken seit Monaten kommunikative Totalausfälle.

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          Der Youtuber Rezo erzählt, dass er sich episch lange Videos von der Bundespressekonferenz anschaut. Als gelernter Informatiker und reichweitenstarker Influencer macht er eine nüchterne Feststellung: Die Sprecherinnen und Sprecher der Bundesregierung zeigen sich nicht auf der Höhe der Zeit und der von ihnen verantworteten Themen. Das ist die Geburtsstunde für die Idee zu seinem Video, das inzwischen über 14 Millionen Besuche verzeichnet. Die Reaktionen aus Politik und Medien darauf erinnern an ein Märchen von Hans Christian Andersen. Selten wurden Kaiser so nackt gesehen und reagierten so empört auf die ungeheuerliche Enthüllung. Ihre Performanz wurde gemessen und für schlecht befunden. Unerhört!

          Die Kommunikationsapparate der Parteien, Behörden und Ministerien haben heute allen Schnickschnack des elektronischen Zeitalters, benutzen ihn aber wie Brieftauben oder verschicken Stellungnahmen auf Blankopapier ohne Angabe des Absenders. Sie scheinen nicht darauf gefasst zu sein, dass sie an eigenen Plänen, Koalitionsverträgen, internationalen Abkommen und Parteiprogrammen gemessen werden. Um an Claus Offes Beobachtung von 1969 anzuknüpfen: die Kommunikationsfähigkeit ist eine Ressource der Zivilgesellschaft. Sie ist auf viele Knotenpunkte verteilt, von Zeitungen über Fernsehsender bis hin zu Profilen in den Sozialmedien. Wer sie nur dazu benutzt, platte Botschaften zu verbreiten, der lebt in einer Welt von vorgestern. Was ist schon ein schnafter Newsroom wert, aus dem nur Bullshit dröhnt?

          Haben Sie den Schuss gehört?

          So eine Talkshow wie die von Anne Will gestern Abend funktioniert als Relais in diesem System. Es dient der Befragung und Selbstbefragung der politischen Akteure und ihrer Beobachter in den Medien. Wie reagieren sie auf den Vorwurf von Versäumnissen? Reicht es noch aus, alte uneingelöste Versprechen gebetsmühlenhaft zu wiederholen oder ist nun etwas anderes gefragt?

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