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TV-Kritik: Anne Will : Schlapper Brei ohne Würze und Erkenntnisse

  • -Aktualisiert am

Alena Buyx (Professorin für Medizinethik und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates) und Olaf Scholz sind zu Gast bei Anne Will. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

In ganz Europa steigen die Corona-Infektionszahlen wieder. Das ist schlimm. Genauso wie die im Ansatz erstickte Diskussion im Studio von Anne Will. Da helfen weder Kubicki noch Scholz.

          5 Min.

          Die Corona-Lage in Europa spitzt sich wieder zu. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Neuinfektionen, die Bundesregierung stuft deshalb immer neue Städte und Regionen als Risikogebiete ein. Zwangsläufig stellt sich die Frage, die Anne Will an diesem Abend als Motto ausgibt: „Sorge um steigende Corona-Zahlen – reichen die Maßnahmen aus?“

          Diskutieren sollen das im Studio Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), der stellvertretende FDP-Parteivorsitzende Wolfgang Kubicki, Melanie Brinkmann (Virologin an der TU Braunschweig, Alena Buyx (Vorsitzende des Deutschen Ethikrats) sowie der Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen.

          Hierbei muss die Betonung liegen auf: Sie sollen es diskutieren. Denn selbst bei ganz genauem Hinschauen und Zuhören, die Runde bei Anne Will ist am diesem Abend von einer kontroversen – oder gar erkenntnisbringenden – Diskussion so weit weg wie Schalke 04 vom Meistertitel in der Fußball-Bundesliga. Es wäre theoretisch möglich.

          Wenn alle einer Meinung sind

          So wäre es auch theoretisch möglich gewesen, dass sich ein SPD-Vizekanzler mit einem FDP-Granden über die Frage gesellschaftliche Einschränkung versus individuelle Freiheit streitet. Oder dass sich eine Virologie für medizinisch indizierte, strenge Maßnahmen ausspricht, während die Ethikerin vor den Nebenwirkungen von zu viel Zwang warnt. Aber, um ein Bonmot von Peer Steinbrück zu zitieren: Hätte, hätte, Fahrradkette. An diesem Abend sind bei Anne Will schlicht alle einer Meinung. In dieser langweiligen Eintönigkeit wirken selbst die halbherzigen Spitzen der Moderatorin hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit getroffener Maßnahmen wie unpassende Chilischoten in einem faden Haferflocken-Einheitsbrei.

          Doch der Reihe nach. Anne Will startet die Sendung mit zwei knackigen Wortmeldungen aus den vergangenen Tagen. Angesichts der zunehmenden Corona-Neuinfektionen – am Freitag waren es mit 2507 so viele wie seit April nicht mehr – fordert Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: Mehr Masken, weniger Alkohol und weniger Feiern. Und SPD-Politiker Karl Lauterbach plädiert für eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen.

          Auf die Frage Wills, ob es nicht anders gehe, gibt Wolfgang Kubicki mit einem dezenten Achselzucken die wohl einzig vernünftige Antwort: Selbstverständlich geht es immer auch anders. Vor allem, wenn mehr als 50 getroffene Maßnahmen des Staates verfassungswidrig seien, mahnt Kubicki. Das müsse doch jedem, dem der Rechtsstaat am Herzen liege, zu denken geben. Der FDP-Politiker fordert deshalb eine parlamentarische Debatte.

          Kubicki legt die Zündschnur aus

          Doch Kubicki belässt es nicht bei diesem Köder, sondern legt nach: Maskenpflicht in Schleswig-Holstein bei Windstärke 4 sei genauso sinnfrei wie die Vorgabe, ein Brautpaar dürfe sich bei seiner Hochzeit mit mehr als 50 Gästen zwar küssen, nicht jedoch miteinander tanzen. Der FDP-Politiker appelliert, den Menschen wieder mehr zu vertrauen. Die Bürgerinnen und Bürger hätten durchaus gelernt, mit dem Virus zu leben. Kubicki hat also seinen Teil erfüllt: Mit provokativen Beispielen ist die Zündschnur für eine hitzige Diskussion gelegt.

          Was wird der attackierte Vizekanzler Olaf Scholz darauf erwidern? Nichts. Denn Anne Will wendet sich an die Virologin Melanie Brinkmann. Sie warnt, dass es im Herbst und Winter schwieriger werden könne, in der dunklen Jahreszeit müssten alle nochmals ganz genau aufpassen, und das Virus sei weiterhin da. Spätestens nach ihrem dritten Satz ist das von Kubicki gelegte Feuer wieder erloschen.

          Gerade der Winter sei ein Problem, weil man sich wieder vermehrt in Innenräumen aufhalten werde. Die AHA-Regel reiche nun nicht mehr aus, sondern müsse zu einer AHA+L-Regel erweitert werden – sprich: Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen PLUS Lüften. Wenn das die einzige Verschärfung sein sollte, wird sich der Protest dagegen auch als laues Lüftungslüftchen entpuppen. Ihr Fazit: Maskenpflicht, wo es sinnvoll ist. Die Maßnahmen müssten sinnvoll und verständlich sein. Ihr Vorredner hat oder hätte es genauso formuliert.

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