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TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

  • -Aktualisiert am

Corona-Debatte bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.

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          Zum Glück ist das „gepflegte Glas Rotwein“ weiterhin möglich. Wenigstens aus der Perspektive von Frank Ulrich Montgomery, einem seit Jahrzehnten in diversen Ärzteverbänden in führender Position tätigen Radiologen. Nur fragte sich der Zuschauer der Talkrunde von Anne Will unter Umständen, warum das gepflegte Glas Mineralwasser nicht genügen sollte. Wäre es nicht nötig gewesen, auf die Gefahren des Alkoholkonsums hinzuweisen? Zehntausende Tote werden jährlich diesem Laster zugerechnet. Aber es ging es natürlich nicht um den Alkoholismus, sondern die Coronavirus-Pandemie. Und das Gläschen Rotwein des im vergangenen Jahr in Chile zum Präsidenten des Weltärztebundes gewählten Montgomery betraf die Zukunft von Bars und Gaststätten. Für Montgomery haben die keine Zukunft mehr, wenigstens wenn es über das beschauliche Nippen am verwegenen Gläschen Rotwein hinausgehen sollte.

          „Übersicht in einer unübersichtlichen Welt“

          Wahrscheinlich hat aber ein 68-jähriger Ärztefunktionär andere Vorstellungen über seine Freizeitaktivitäten als junge Leute. Als es im Jahr 1970 eine Pandemie namens die Hongkong-Grippe gab, wäre der damals 18-jährige Montgomery bestimmt auch nicht auf die Idee gekommen, den Ratschlägen eines im Jahr 1902 geborenen alten Herrn zu folgen. Immerhin soll diese Pandemie aber allein im damaligen Westdeutschland bis zu 30.000 Todesfälle verursacht haben. Nun könnten Spötter meinen, dann wäre uns immerhin die 68er-Bewegung erspart geblieben, aber für zeitgenössische Satire sind vermutlich andere zuständig. Aber diese Mischung aus Selbstgefälligkeit und Ignoranz bestimmte diese Sendung, die mehr an ein betuliches Kaffeekränzchen als eine Diskussionssendung erinnerte.

          Die Zuschauer bekamen eine Art Poesiealbum von Allgemeinplätzen geboten. So sprach Marina Weisband (Grüne) davon, den Menschen „Übersicht in einer unübersichtlichen Welt“ zu vermitteln. Das versuchte die „Autorin und Aktivistin“, so die Formulierung der Redaktion, vor wenigen Tagen schon beim Thema Russland in einer Sendung von Maybrit Illner. Zudem schlug sie für die Schulen einen „hybriden Unterricht“ vor, was sich immer gut anhört, wenn es sich nicht gerade um die hybride Kriegführung Putins handeln sollte. Wo Frau Weisband das Fachpersonal für zusätzliche Lehrer- und Sozialarbeiterstellen in den Schulen finden wollte, musste sie nicht beantworten. Das gibt es nämlich nicht, wenn sie nicht gerade auf das Potential arbeitslos gewordener Gastronomen zurückgreifen will. Die könnten aber den älteren Schülern die Freude am gepflegten Glas Rotwein vermitteln.

          Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin aus Mainz, gelang ebenfalls ein überzeugender Eintrag in dieses sonntägliche Poesiealbum. Corona sei „kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Wir müssten noch viele, viele Monate mit Corona leben. Dafür bräuchten „wir das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger. Sie sind mehrheitlich einverstanden mit dem, was wir tun. Und wir können ihnen etwas zutrauen.“ Das wärmt das Herz des Zuschauers, wenn ihm eine Politikerin etwas zutraut. Nämlich das umzusetzen, was sie für die richtige Politik hält. Zum Glück fehlten auch die Worte „Transparenz und Bürgerbeteiligung“ nicht, das sogar in der aktuellen Variante zur Vermeidung von Diskriminierung. Die insolventen Gastronomen werden es in Zukunft zu würdigen wissen, wenn an ihre Kolleginnen rhetorisch gedacht werden sollte.

          Insofern war dem Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er auf die Notwendigkeit des richtigen „Wording“ hinwies, um die Akzeptanz der Bürger zu sichern. Frau Weisband gelang in einem argumentativen Sprint, sowohl den Rechtsextremismus, als auch den Klimawandel unterzubringen. Yogeshwar wiederum machte auf diese erste Pandemie im Social Media Zeitalter aufmerksam. Er sorgte sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und wollte Brücken bauen. Aber Menschen könnten auch „differenziert denken“, so der frühere WDR-Moderator, zudem käme es auf das „Vertrauen der Bürger“ an. Vertrauen kann man nie genug haben. An mahnenden Worten über die Infektionsrisiken im kommenden Winter ließ es Yogeshwar ebenfalls nicht fehlen. So versuchte es auch Frau Weisband mit Einschätzungen zur medizinischen Situation. Sie fand es „ganz gefährlich“ mit leeren Intensivbetten zu argumentieren. Jedes belegte Intensivbett sei „ein belegtes Intensivbett zu viel“.

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