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Talkshow-Kritik „Anne Will“ : Der größtmögliche Populismus

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Bei Anne Will wurde in der aktuellen Sendung um „Klimaschutz und Kohleausstieg“ debattiert. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die Grünen sprechen im Namen der Menschheit, eine Umweltaktivistin glaubt an die Lösung, und ein klassischer Energieversorger stellt die richtigen Fragen: Bei Anne Will ging es um Klimaschutz und Kohleausstieg.

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          Die Grünen hatten bei der letzten Bundestagswahl ein passables Ergebnis. Genau 4.158.400 Bürger gaben der Partei ihre Stimme. Damit ist sie ein wichtiger Faktor in der deutschen Politik, aber sie repräsentiert damit lediglich diese Wähler im deutschen Bundestag. Die Partei käme sicherlich nicht auf die Idee, „die Deutschen“ zu vertreten. Deren überwältigende Mehrheit hat sie schließlich nicht gewählt. Umso kurioser ist die Vorstellung, gleich für die Menschheit sprechen zu wollen. Diesen Anspruch formulierte der Vorsitzende ihrer Bundestagsfraktion. Laut Anton Hofreiter glaube kein Mensch, dass „die Menschheit die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen mitmachen“ werde. Das Thema war „Klimaschutz und Kohleausstieg – werden die Milliarden richtig investiert?“ Es ging um den Betrieb der letzten deutschen Kohlekraftwerke bis zum Jahr 2038.

          Populismus ist der Anspruch, für alle zu sprechen, obwohl man nur für sich selbst spricht. Aber keiner der erfolgreichen Populisten dieser Tage hat gleich die Menschheit für sich in Beschlag genommen. Insofern ist Hofreiter der Vertreter des größtmöglichen Populismus, fehlt eigentlich nur noch der Hinweis auf Gott. Dessen Funktion hat bei manchen Zeitgenossen mittlerweile die Naturwissenschaft als Glaubenssystem übernommen, weshalb Hofreiter diese ebenfalls vereinnahmte. Es ging um den Klimawandel und dessen möglichen Konsequenzen. Junge Menschen werden, so Hofreiters naturwissenschaftliche Erkenntnis, „in einer Welt alt werden, die so schrecklich sein wird, dass sie in sehr große Schwierigkeiten geraten“. Deshalb müsse man „aber nicht in Panik geraten“. Dieser Satz entbehrt zwar jeder Logik, weil Panik ein nachvollziehbares Verhalten bei schrecklichen Ereignissen ist. In China ist gerade zu erleben, wie ein winziges Virus zur existentiellen Bedrohung für die Gesellschaft werden kann. Sich bei dem Thema zurückzuhalten, ist zweifellos vernünftig. Entsprechend wenig ist von den Grünen dazu zu hören. Dieser Schrecken ist scheinbar zu konkret, um ihn politisch auszuschlachten.

          „Wir hängen voll am Braunkohlestrom“

          An sich ging es aber um ein eher trockenes Thema: Wie kann die Bundesrepublik Deutschland in den kommenden noch nicht einmal zwanzig Jahren gleichzeitig aus der Atomenergie und der Kohleverstromung aussteigen? Am vergangenen Donnerstag durfte sich zwar schon mit Kerstin Andreae die Hauptgeschäftsführerin des „Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft“ in der ZDF-Talkshow dazu äußern. Aber das muss niemanden daran hindern, mit Marie-Luise Wolff die Präsidentin des Verbandes auch noch einzuladen. Sie setzte andere Akzente als ihre Mitarbeiterin: Es ging weniger um „disruptive Sprunginnovationen“, mehr um das richtige Leben. Etwa warum die Entschädigungszahlungen im Rahmen des Kohlekompromisses etwas mit Leistung zu tun hätten. Frau Wolff machte zudem deutlich, worum es eigentlich geht. Nämlich in verhältnismäßig kurzer Zeit mehr als 40 Prozent der Stromerzeugung mit 120 Kraftwerken aus dem Markt zu nehmen.

          Das damit verbundene Problem beschrieb Reiner Haseloff (CDU). „Wir hängen voll am Braunkohlestrom“, so der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Wenn wir die Kraftwerke jetzt abschalteten, „können wir das machen. Dann hören wir auf zu atmen, und dann gehen wir nach Hause, aber im Dunkeln und mit Kerze.“ Logisch schien das Argument zwar auch nicht, aber es zeigte die Sinnlosigkeit eines Ansatzes, der unsere Energieversorgung mit der Rettung der Menschheit verwechselt. Haseloff hatte ansonsten aber Hofreiter einiges ins Stammbuch zu schreiben. So unterstützten „seine Grünen“ in Sachsen-Anhalt den Kompromiss: Sie sind dort in der Landesregierung. Außerdem erzeuge sein Bundesland den Strom zu siebzig Prozent aus regenerativen Energien, mehr als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Zudem zögen diese beiden Südländer beim Ausbau nicht mit. In Stuttgart regiert seit bald zehn Jahren ein grüner Ministerpräsident, wie die Zuschauer bemerkt haben werden. Deshalb war es realpolitisch sinnvoll, wenn Hofreiter solche Hinweise ignorierte. Dafür machte dieser deutlich, was die Grünen im Bund alles gemacht hätten, wenn sie regiert hätten, etwa die Strompreise zu senken.

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