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TV-Kritik: Anne Will : Im Zweifel für den Zweifel

Anne Wills schwierige Aufgabe: Ihren Gästen frische Aussagen zum Koalitionsvertrag zu entlocken Bild: dpa

Viel war schon gesagt zum Koalitionsvertrag, aber noch nicht von jedem. Als die Wortführer im Bett lagen, trat bei Anne Will die zweite Garde an - und überraschte mit parteiübergreifendem Vertrauen auf Wolfgang Schäuble.

          Es fängt schon mit dem Anfang an. Der verschiebt sich um gut 40 Minuten, weil an diesem Mittwochabend nicht nur Anne Will über den Koalitionsvertrag reden will. Neben den obligatorischen Nachrichten nämlich hat die ARD auch einen überaus ausführlichen Brennpunkt ausgestrahlt zur Einigung von Union und SPD. Die Schlagwörter des Vertrags also – inklusive der standardisierten Verteidigung und Kritik – sollte jeder Fernsehzuschauer längst im Schlaf aufsagen können, vorwärts und rückwärts, als Anne Will schließlich und spät auch noch die Frage stellt: „Große Koalition – Der große Wurf für Deutschland?“ Da wächst das Verständnis für die angehenden Koalitionäre, die – wie Thomas Roth es in den Tagesthemen formuliert – nach ihrem Verhandlungsmarathon vielleicht auch mal ganz froh sind, endlich ins Bett zu kommen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Will kann für ihr „Vorprogramm“ natürlich nichts. Doch für den Rest schon. So ist die Besetzung der Gästesessel ein Problem. Jene nämlich, die ganz vorne stehen in der neuen Koalition, sind wohl wirklich schon im Bett, zumindest aber nicht bei Will. Also ist die Reihe hinter ihnen gekommen. Für die CDU ist das Armin Laschet, stellvertretender Bundesvorsitzender, und für die SPD Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, die zwar bei den Koalitionsverhandlungen dabei war, jedoch: bei der großen Verhandlungsrunde dürfte es schwer fallen, einen gestandenen Sozialdemokraten vor die Kamera zu bekommen, der nicht dabei war. Ihnen zur Seite gesetzt werden: Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen und Heiner Bremer, Journalist. Es fehlt: die Opposition. Ein Vorgriff vielleicht schon auf die bitteren Zeiten im neuen Bundestag. Von wegen Minderheitenschutz und so weiter. Und es fehlt: die CSU. Und das obwohl selbst Sigmar Gabriel am Mittwoch in der Bundespressekonferenz einzugestehen hatte, dass er bei den Verhandlungen gelernt habe, es gebe nicht CDU/CSU, sondern CDU und CSU. Für solche Feinheiten aber ist kein Platz.

          Sprechschablonen angelegt

          Wirklich zum Problem werden dann die ersten Minuten der Sendung. Nicht etwa Inhalte des Vertrags werden in einem Film vorgeführt oder vorgetragen, sondern nach den Einschätzungen der Gesamtsituation wird gefragt, nach Empfindungen also. Rasch dürfen Dreyer und Laschet sagen, was man eben so sagt, wenn man gerade einen Koalitionsvertrag miteinander ausgehandelt hat: „Stimmung war überraschend gut“, „sehr gute Ergebnisse“, „erschöpft“ und schließlich: „Ein Vertrag, der vier Jahre tragen kann.“ Sodann folgen die drei Herren Nicht-Politiker, und niemanden kann es wirklich überraschen, dass zum Koalitionsvertrag sogleich die Einschätzung folgt: „Ein großer Wurf ist das nicht.“ (Bremer). Auch Schneider und Börner dürfen sagen, was ihnen zu dem Vertrag so einfällt, und da sie nun mal Diskussionsrunden-gestählte Lobbyisten sind, haben sie schnell ihre Sprechschablonen angelegt, um hervorzuheben, was ihnen nicht passt (der Koalitionsvertrag), und was es ganz allgemein so alles zu beachten gilt in der deutschen Politik. Ihre Forderungen freilich stehen sich diametral gegenüber. Wettbewerb trifft auf Umverteilung. Und so ist es wie so oft bei solchen Talkrunden: Man lernt und hört nicht etwa etwas Neues oder Überraschendes gar, sondern kann sich einfach den Diskutanten seines Gefallens herauspicken und immer wenn dieser dann das Wort ergreift auf dem Sofa leise mitgrummeln: Genauso ist es. Oder eben nicht.

          „Schäuble wird das wissen“

          Als schließlich den allgemeinen Einschätzungskontroversen - aus denen einzig Malu Dreyer immer wieder hervorsticht mit Versuchen, auch mal über das zu reden, was wirklich im Vertrag steht - Einhalt geboten wird, mit einem kleinen Film eben über das, was im Vertrag steht, gibt es eine Überraschung: Für das Team von Will scheint es bei so einem Vertrag nur ein sehr enges Feld von Interesse zu geben. Stichwörter wie Pkw-Maut, Vorratsdatenspeicherung, Frauenquote, Doppelpass und so weiter fallen nicht. Es geht um Mindestlohn und all die schönen Renten (Mütter-, Solidar-, mit 63). Ob es ein großer Wurf ist oder nicht, soll sich also so einfach bewerten lassen? Immerhin lernt man: Wenn es schief geht mit der Finanzierung all der Wohltaten, dann ist Wolfgang Schäuble Schuld. Der hat das alles durchgerechnet. Und alle vertrauen ihm. Denn: „Herr Schäuble wird das wissen.“ (Dreyer)

          Mit Talksendungen aber ist es wie mit Koalitionsverhandlungen: Es kommt auf die Schlussrunde an. Und die ist bei Will – die bei ihren wenigen Eingriffen bestens vorbereitet scheint, aber eben leider nur wenig eingreift - tatsächlich sehenswert. Es geht um die Abstimmung der SPD-Basis über den Koalitionsvertrag und ganz wunderbar zeigt dieses Thema zum Beispiel, wie weit es her ist mit dem Vertrauen und dem Verständnis der künftigen Koalitionäre füreinander. Denn während Malu Dreyer sich abmüht, die Abstimmung zu verteidigen und bei zwei kritischen Damen von der Basis im Publikum auch noch um Zustimmung zu werben, sagt Laschet ganz trocken: „Mir ist das völlig egal, wie das ausgeht.“

          Appell an die SPD-Basis

          Schön ist auch zu sehen, wie auf einmal die drei Herren Nicht-Politiker sich völlig einig sind in ihrer Kritik an der Entscheidung der SPD, ihre Basis über die Koalition entscheiden zu lassen. Bei Börner schließlich, der nun am Anfang der Sendung kein gutes Haar an dem Vertrag lassen wollte, führt das sogar dazu, dass er die SPD-Mitglieder fast anfleht, diesem dann doch zuzustimmen: „Seid euch euer Verantwortung bewusst für unser Land“, sagt er. Und das ist dann eine wunderbare Pointe und somit auch ein schöner Abschluss an diesem langen Mittwoch des Koalitionsvertrags, und alle dürften froh sein, endlich ins Bett zu kommen.

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