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TV-Kritik: Anne Will : Das Kichern des Kandidaten

  • -Aktualisiert am

Friedrich Merz zu Gast bei „Anne Will“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Friedrich Merz wird in der Talkshow von Anne Will gegrillt. Das scheint dem Kandidaten für den CDU-Vorsitz richtig Spaß zu machen.

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          Den Auftakt macht ein Einspieler über den Besuch der Bundeskanzlerin in Chemnitz. Die Bilder und Töne dokumentieren bis in die Mitte der Stadtgesellschaft eine Verbitterung, die durch einen Besuch allein nicht aus der Welt geschafft werden kann.

          Den Besuch der Bundeskanzlerin findet Friedrich Merz gut. Es sei richtig, über strittige Themen offen zu diskutieren. Er ist für mehr Streitlust im öffentlichen Raum. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, war auch schon in Chemnitz. Sie resümiert die Geschichte eines ostdeutschen Lebensgefühls. Was in Sachsen passiere, kenne sie aus den frühen Jahren nach der Wende auch aus ihrer Heimat. Dann aber habe sich etwas gedreht. In Rostock haben kürzlich 4000 Menschen gegen eine Kundgebung der AfD demonstriert. Björn Höcke konnte nicht reden, weil der Strom ausgefallen war. Merz kichert dazu aus dem Off, als sei er ein Sponti.

          Schwesig vermisst bei Merkel zwei Dinge: dass sie sich in der politischen Öffentlichkeit fast nie als Ostdeutsche und auch nur selten als Frau positioniert habe. Sie habe so eine Chance vergeben, die dem Land und auch ihr selbst gut bekommen wäre. Merkel habe versäumt, die Lebensleistung der Ostdeutschen in den letzten 30 Jahren öffentlich anzuerkennen. Es wäre auch ihr selbst gut bekommen, hätte sie sich dazu bereit gefunden. Sie unterstellt, dass Merkel aus Rücksicht auf die Kräfteverteilung in der eigenen Partei davor zurückgescheut sei. Das klingt plausibel, auch wenn das nicht erklärt, wie Frau Merkel es geschafft hat, den Andenpakt ihrer Parteifreunde Koch, Oettinger und anderer ins Abseits zu befördern.

          Merz lacht

          Als Frau Will Annalena Baerbock, die Parteivorsitzende der Grünen, mit den Worten vorstellt, sie erwecke bei manchen Leuten den Eindruck, sie sei erst kürzlich in die Politik gefallen, kichert Merz abermals, als sitze er nicht im Studio, sondern bei sich zuhause im Wohnzimmer. Weil das nicht einstudiert, sondern situativ glaubwürdig wirkt, zeigt Merz eine Seite, die seiner Konkurrenz fehlt. Weder Jens Spahn noch Annegret Kramp-Karrenbauer erlauben sich so etwas, kein gutes Omen für ihr Ziel, eine Partei der Freiheit zu führen.

          Frau Baerbock zeichnet ein Bild weiter Landstrecken im Osten, die durch wegbrechende Infrastruktur abgehängt seien. Wo in erreichbarer Nähe kein Bus und keine Bahn mehr verkehre, keine Hebamme für die Versorgung von Neugeborenen verfügbar und auch kein Arzt mehr da sei, da fehle es an einer alltäglich notwendigen Infrastruktur. Das stellt nicht die Demokratie in Frage, aber weckt Zweifel am politischen Vermögen, gleiche Lebensverhältnisse im Land zu gewährleisten.

          Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des „Tagesspiegels“, findet, es sei an der Zeit, dass etwas passiert. Es reiche nicht, Haltungen zu zeigen. Die Politik versage bei dem eigenen Anspruch, schnell und zielgerichtet zu handeln. Das Beispiel Diesel spricht Bände. Gleiches gilt für das Lohngefälle zwischen West und Ost. Merz gibt Casdorff recht, es gebe aber auch prosperierende Regionen, erfolgreiche Menschen, gute Schulen. Dummerweise fehlt es an diesem Dreiklang in einigen Regionen des Ostens und des Westens. Nach der Wende habe man unterschätzt, wie lange das dauern werde. Dass so sinnvolle Einrichtungen wie die Polikliniken verschwunden seien, bedauert Merz.

          Politische Heimat auch für Wertkonservative

          Frau Baerbock weist darauf hin, dass es Strukturschwächen auch in Niedersachsen und Bayern gebe. Wer sich dort abgehängt fühlt, mache das auch bei Wahlen deutlich. Wird Kandidat Merz verlorene Wähler für die Union zurückgewinnen? Kann er das besser als die Union in Sachsen?

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