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TV-Kritik: „Anne Will“ : Feinde der offenen Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen am 28. Januar 2018 zum Thema „Holocaust-Gedenken - wie antisemitisch ist Deutschland heute?! Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Anne Will thematisiert den Antisemitismus. Es wird ein Einblick in die Widersprüche unserer politischen Kultur.

          5 Min.

          Zeitzeugen haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie vermitteln Authentizität. Wie das funktioniert, war gestern Abend in Anne Wills Sendung zu erleben. Es ging um das „Holocaust-Gedenken“ und die Frage, „wie antisemitisch ist Deutschland heute?“ Esther Bejarano ist dreiundneunzig Jahre alt und überlebte im Mädchenorchester von Auschwitz das Vernichtungslager. Sie schilderte eindringlich ihre Erlebnisse. Wie sich ihr Vater als „deutscher Patriot“ die Ermordung der Juden nicht vorstellen konnte. Die Deutschen ließen das nicht zu, so meinte er in den 1930er Jahren. Wie er lieber bei seiner jüdischen Ehefrau blieb als sein eigenes Leben durch Scheidung zu retten.

          Frau Bejarano ließ die Zuschauer teilhaben, wie sie ihr Leben in diesem Orchester retten konnte. Und wie sie zugleich von einem Gedanken bestimmt wurde: Sich nach dem Krieg an den Tätern zu rächen, die ihre Familie ermordeten. Sie wanderte, noch vor Gründung des Staates, nach Israel aus. Gründete dort eine Familie, um im Jahr 1960 nach Deutschland zurückzukehren. Sie vertrug das israelische Klima nicht, so sagte sie, aber vor allem drohte ihrem Mann in Israel als Kriegsdienstverweigerer eine langjährige Haftstrafe. Das Land der Täter wurde paradoxerweise zu ihrem einzigen denkbaren Zufluchtsort. Sie war nämlich rechtlich Deutsche geblieben.

          Eine Zeitzeugin kann mehr vermitteln als Bücher, so fasste Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien, dieses beeindruckende Interview zusammen. Zeitzeugen sind zwar authentisch, aber nicht alle ziehen aus ihren Erlebnissen die gleichen politischen Schlussfolgerungen. Kommunisten waren immer anderer Meinung als Sozialdemokraten, Katholiken oder Protestanten als die politische Linke, und Zionisten hatten für die Sichtweise orthodoxer Juden wenig Verständnis. So gab es im Jahr 1960 kaum einen Israeli, der eine Wehrdienstverweigerung unterstützt hätte. Im Prozess gegen den Organisator der Judenvernichtung, Adolf Eichmann, wurde ein Jahr später vielmehr die Botschaft eines wehrhaften Staates formuliert: Sich nie wieder, wie Lämmer zur Schlachtbank führen zu lassen.

          Frau Bejarano sah die Ursache für den gegenwärtigen Antisemitismus in der fehlgeschlagenen Áufarbeitung nach dem Krieg. Nun gab es zwar eine Kontinuität der Eliten in allen gesellschaftlichen Sektoren. Aber warum der heutige Antisemitismus dort seine Ursache haben soll, ist ein Rätsel. Wer kennt noch Hans Globke, den sie anführte? Beruft sich ein Antisemit heute noch auf Adenauers Kanzleramtschef? Frau Bejarano ist eine führende Repräsentantin des „Internationalen Auschwitz Komitees“. Ohne dessen langjährigen Generalsekretär und Mitgründer Hermann Langbein wäre der erste Auschwitz-Prozess des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer Mitte der 1960er Jahre unmöglich gewesen. Wegen seiner Kritik am Stalinismus wurde er allerdings politisch kalt gestellt. Auf der Homepage des Verbandes findet sich keine Zeile, die diese politischen Kämpfe um die Ausrichtung des Verbandes schildert. Probleme mit der Vergangenheit sind offensichtlich keineswegs das Privileg der Rechten.

          Was wir gestern Abend erlebten, war ein gutes Beispiel für das derzeitige Verständnis von Vergangenheitsbewältigung. Auschwitz gilt als moralischer Imperativ, um den Anfängen zu wehren, so die These. Das erklärt jedoch nicht die Singularität dieses Ereignisses. Oder die mit bürokratischer Effizienz betriebene industrielle Massenvernichtung der Juden durch eine verbrecherische Staatsführung. Die allerdings nur handeln konnte, weil sie genügend Menschen im Staatsapparat und der Gesellschaft fand, die mitmachten. Das war ein spezifisch deutsches Ereignis, im Gegensatz zum Antisemitismus. Den gab – und gibt es – in unterschiedlichen Ausprägungen in allen europäischen Gesellschaften, genauso wie in den Vereinigten Staaten.

          Die Gedenkstätte Rumbula, südöstlich von Riga. Hier wurden rund 25.000 Menschen ermordet - darunter Eltern und Schwester von Margers Vestermanis Öffnen

          Der Historiker Julius H. Schoeps hielt den Antisemitismus bis heute für einen Teil der „deutschen Kultur.“ In Wirklichkeit ist er bis heute Teil vieler nationaler Kulturen. Deutschland belegt beim Antisemitismus im europäischen Vergleich einen Mittelplatz, so Schoeps. Er definierte den Antisemitismus als eine „kollektive Bewusstseinskrankheit.“ Und blieb skeptisch bei dem Vorschlag, den Besuch von Konzentrations- und Vernichtungslagern in den Schulen verpflichtend einzuführen. Solche Zwangsbesuche könnten eine „gegenteilige Wirkung“ auslösen. Schoeps sprach einen wichtigen Punkt an. Angesichts der Monstrosität der Judenvernichtung wäre eine solche Reaktion noch nicht einmal erstaunlich. Es ermöglicht das Nachdenken über die Frage, wie etwas möglich war, das nie hätte passieren dürfen. Der Rechtsextremismus sieht hier schon lange seine Interventionspunkte. Das kann die dreiste „Auschwitz-Lüge“ sein, die Relativierung der Verbrechen oder das Säen des Zweifels über historische Ereignisse.

          Schoeps erinnerte an die Reaktionen, die solche Medienereignisse wie diese Sendung auslösen. Juden und ihre Institutionen werden anschließend mit Beleidigungen, Hass und Drohungen konfrontiert. Das gehörte schon immer zu unserer Nachkriegsgeschichte. Der jüngst verurteilte SS-Buchhalter in Auschwitz, Oskar Gröning, muss mit 96 Jahren ins Gefängnis. An ihm liegt es aber nicht, wenn Juden von ihren Mitschülern heute systematisch ausgegrenzt und tätlich angegriffen werden.

          Wenzel Michalski, Direktor Human Rights Watch Deutschland, musste diese Erfahrung bei seinem Sohn an einer Berliner Schule machen. Junge Türken und Araber bezeichneten „Juden als Mörder“ und nahmen Michalskis Sohn gleich in Sippenhaft. Jeder Jude ist ohne Ansehen der Person ein Mörder. Das entspricht der Auffassung mancher Zeitgenossen, die in jeden Muslim einen Terroristen oder Frauenschänder erkennen.

          Judenhass der Muslime in Deutschland

          Es ist der Antisemitismus der dummen Kerls, um ein geflügeltes Wort von August Bebel (SPD) aufzunehmen. Michalski schilderte die Reaktion von Schule und Behörden, die bisweilen mehr Verständnis für die Dummköpfe hatten anstatt schlicht durchzugreifen. Nicht dieser Junge, sondern seine Angreifer störten den Schulfrieden. Sawsan Chebli (SPD), Berlins Staatssekretärin für „Bürgerschaftliches Engagement und Internationales“, machte deutlich, was sie vom muslimischen Antisemitismus hielt: Nichts. Sie hatte die Idee mit den verpflichtenden Gedenkstättenbesuchen für diese Zielgruppe. Nur warum soll das fünfzehnjährige Berliner Schüler überzeugen, die von Hans Globke nie gehört haben? Denen die antisemitischen Elaborate eines AfD-Politikers wie Wolfgang Gedeon egal sind, der dort seine „Bewusstseinskrankheit“ dokumentiert? Diesem muslimischen Antisemitismus ist jeder Gedanke gleichgültig, außer diesen einen: Den Staat Israel zu vernichten und die Juden ins Mittelmeer zu treiben.

          So einfach ist das, nur nicht für Frau Chebli. Sie wollte „nichts kleinreden“, machte aber nichts anderes. Welchen Sinn eine Einwanderungspolitik hat, die muslimische Judenhasser von ihrem Irrtum überzeugen will, kann Frau Chebli nicht erklären. Das ist nicht einmal mit unseren hausgemachten Antisemiten gelungen, obwohl seit mindestens vierzig Jahren von einer fehlenden Vergangenheitsbewältigung keine Rede mehr sein kann. Spätestens mit der Ausstrahlung der Serie „Holocaust“ im Jahr 1979 änderte sich das gesellschaftliche Klima, worauf Schoeps hinwies. Das bedeutete damals allerdings zugleich die Zunahme antisemitischer Übergriffe, wie das Schänden jüdischer Friedhöfe.

          Vernebelung statt Aufklärung

          Seltsam argumentierte allerdings auch Michalski. Ihn erinnerten die heutigen Verhältnisse an 1923 sowie die Jahre 1933 und 1934. Meinte er damit das gesellschaftliche Klima im heutigen Deutschland? Dort sind die Antisemiten eine Minderheit. Nur sind diese Hinweise auch historisch absurd. In Bayern setzte Hitler mit seinem gescheiterten Putschversuch vom 9. November 1923 auf die Kollaboration der Konservativen. Die heutige CSU ist unverdächtig, mit eventuellen Putschplänen von Rechtsextremisten zu sympathisieren.

          Der Hinweis auf die Verhältnisse im Jahr 1933 und 1934 ist noch weniger überzeugend. Im Winter und Frühling 1933 wurde nicht nur die Demokratie abgeschafft. Die Nazis organisierten am 1. April 1933 ihre Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte. Das war keine spontane Aktion eines antisemitischen Volkszorns, wie es die Nazis in ihrer Propaganda behaupteten. Vielmehr der erste Schritt der Nazis zur Ausgrenzung der Juden. Es folgten unzählige andere, die schließlich in den Vernichtungslagern endeten. Niemand kann sich eine Bundesregierung vorstellen, die sich daran in Zukunft orientieren könnte. Das Ersetzen historischer Erfahrung durch solche Assoziation willkürlicher Vergleiche ist das Gegenteil von Vergangenheitsbewältigung. Sie vernebelt mehr als aufzuklären. In der Zeit, wo es keine Zeitzeugen mehr geben wird, sollten wir uns das nicht leisten. Im Antisemitismus treffen sich nämlich die Feinde der offenen Gesellschaft jeglicher Couleur. Daran zu erinnern, ist die eigentliche Botschaft dieses Abends.

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