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TV-Kritik: „Anne Will“ : Feinde der offenen Gesellschaft

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Schoeps erinnerte an die Reaktionen, die solche Medienereignisse wie diese Sendung auslösen. Juden und ihre Institutionen werden anschließend mit Beleidigungen, Hass und Drohungen konfrontiert. Das gehörte schon immer zu unserer Nachkriegsgeschichte. Der jüngst verurteilte SS-Buchhalter in Auschwitz, Oskar Gröning, muss mit 96 Jahren ins Gefängnis. An ihm liegt es aber nicht, wenn Juden von ihren Mitschülern heute systematisch ausgegrenzt und tätlich angegriffen werden.

Wenzel Michalski, Direktor Human Rights Watch Deutschland, musste diese Erfahrung bei seinem Sohn an einer Berliner Schule machen. Junge Türken und Araber bezeichneten „Juden als Mörder“ und nahmen Michalskis Sohn gleich in Sippenhaft. Jeder Jude ist ohne Ansehen der Person ein Mörder. Das entspricht der Auffassung mancher Zeitgenossen, die in jeden Muslim einen Terroristen oder Frauenschänder erkennen.

Judenhass der Muslime in Deutschland

Es ist der Antisemitismus der dummen Kerls, um ein geflügeltes Wort von August Bebel (SPD) aufzunehmen. Michalski schilderte die Reaktion von Schule und Behörden, die bisweilen mehr Verständnis für die Dummköpfe hatten anstatt schlicht durchzugreifen. Nicht dieser Junge, sondern seine Angreifer störten den Schulfrieden. Sawsan Chebli (SPD), Berlins Staatssekretärin für „Bürgerschaftliches Engagement und Internationales“, machte deutlich, was sie vom muslimischen Antisemitismus hielt: Nichts. Sie hatte die Idee mit den verpflichtenden Gedenkstättenbesuchen für diese Zielgruppe. Nur warum soll das fünfzehnjährige Berliner Schüler überzeugen, die von Hans Globke nie gehört haben? Denen die antisemitischen Elaborate eines AfD-Politikers wie Wolfgang Gedeon egal sind, der dort seine „Bewusstseinskrankheit“ dokumentiert? Diesem muslimischen Antisemitismus ist jeder Gedanke gleichgültig, außer diesen einen: Den Staat Israel zu vernichten und die Juden ins Mittelmeer zu treiben.

So einfach ist das, nur nicht für Frau Chebli. Sie wollte „nichts kleinreden“, machte aber nichts anderes. Welchen Sinn eine Einwanderungspolitik hat, die muslimische Judenhasser von ihrem Irrtum überzeugen will, kann Frau Chebli nicht erklären. Das ist nicht einmal mit unseren hausgemachten Antisemiten gelungen, obwohl seit mindestens vierzig Jahren von einer fehlenden Vergangenheitsbewältigung keine Rede mehr sein kann. Spätestens mit der Ausstrahlung der Serie „Holocaust“ im Jahr 1979 änderte sich das gesellschaftliche Klima, worauf Schoeps hinwies. Das bedeutete damals allerdings zugleich die Zunahme antisemitischer Übergriffe, wie das Schänden jüdischer Friedhöfe.

Vernebelung statt Aufklärung

Seltsam argumentierte allerdings auch Michalski. Ihn erinnerten die heutigen Verhältnisse an 1923 sowie die Jahre 1933 und 1934. Meinte er damit das gesellschaftliche Klima im heutigen Deutschland? Dort sind die Antisemiten eine Minderheit. Nur sind diese Hinweise auch historisch absurd. In Bayern setzte Hitler mit seinem gescheiterten Putschversuch vom 9. November 1923 auf die Kollaboration der Konservativen. Die heutige CSU ist unverdächtig, mit eventuellen Putschplänen von Rechtsextremisten zu sympathisieren.

Der Hinweis auf die Verhältnisse im Jahr 1933 und 1934 ist noch weniger überzeugend. Im Winter und Frühling 1933 wurde nicht nur die Demokratie abgeschafft. Die Nazis organisierten am 1. April 1933 ihre Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte. Das war keine spontane Aktion eines antisemitischen Volkszorns, wie es die Nazis in ihrer Propaganda behaupteten. Vielmehr der erste Schritt der Nazis zur Ausgrenzung der Juden. Es folgten unzählige andere, die schließlich in den Vernichtungslagern endeten. Niemand kann sich eine Bundesregierung vorstellen, die sich daran in Zukunft orientieren könnte. Das Ersetzen historischer Erfahrung durch solche Assoziation willkürlicher Vergleiche ist das Gegenteil von Vergangenheitsbewältigung. Sie vernebelt mehr als aufzuklären. In der Zeit, wo es keine Zeitzeugen mehr geben wird, sollten wir uns das nicht leisten. Im Antisemitismus treffen sich nämlich die Feinde der offenen Gesellschaft jeglicher Couleur. Daran zu erinnern, ist die eigentliche Botschaft dieses Abends.

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