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TV-Kritik „Anne Will“ : Der Lösung keinen Millimeter näher

  • -Aktualisiert am

Die Talk-Runde bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Ist Europas Flüchtlingspolitik vor vier Tagen im Feuer von Moria verbrannt? Nein, denn es gibt sie gar nicht. Die Ausführungen bei Anne Will offenbaren, woran die Debatte grundsätzlich krankt.

          5 Min.

          Der Brand des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat die Asylpolitik wieder ins Rampenlicht gerückt. Auch bei Anne Will, die an diesem Abend fragt: Ist Europas Migrationspolitik gescheitert – welche Rolle soll Deutschland übernehmen? Beantworten sollen dies die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock, der stellvertretende Parteivorsitzende der Europäischen Volkspartei Manfred Weber, Marie von Manteuffel (Ärzte ohne Grenzen), der Migrationsforscher Gerald Knaus und der ZEIT-Journalist Ulrich Ladurner.

          Zu Beginn der Sendung schaltet Anne Will zunächst zu Isabel Schayani nach Lesbos. Dort sitzt die WDR-Journalistin zusammen mit einer Flüchtlingsfamilie am Straßenrand, wenige Meter vom abgebrannten Lager Moria entfernt. Schayani erzählt von Hunger, Hoffnungslosigkeit und Gewalt – der grausige Alltag der rund 13.000 Menschen in Moria. Die WDR-Journalistin spricht von einem „Gefängnis“ auf Lesbos, die Menschen würden als optisches Faustpfand missbraucht, Griechenlands Regierung setze eiskalt auf Abschreckung. Man merkt, wie sehr die Umstände auf Lesbos Schayani mitnehmen. Keinen sollten die Ereignisse und Schilderungen kalt lassen.

          Einige deutsche Kommunen und Städte haben sich denn auch unter der Woche bereit erklärt, freiwillig mehr Geflüchtete aufzunehmen. Doch Bundesinnenminister Horst Seehofer lehnt solche Alleingänge ab. 100 bis 150 Menschen werde Deutschland aus Moria aufnehmen, das sei „praktizierte Nächstenliebe“.

          Es wirkt wie eine Spaltung zwischen vermeintlicher Nähe und Distanz, zwischen emotionaler Nächstenliebe und analytischer Kälte – und sie wird sich anschließend im Studio bei Anne Will fortsetzen.

          Weber: Nicht Erdoğan und Schlepper entscheiden lassen

          Manfred Weber nennt Seehofers Ankündigung ein „klares Signal, dass wir helfen“. Ohnehin sei schon vieles besser geworden. Vor einem Jahr hätten noch 25.000 Menschen in Moria gehaust, inzwischen sind es nur noch 13.000.  Das eigentlich nur 2800 Migranten dort sein sollten, sagt Weber nicht. Aber: Weber will die Verhältnisse in Moria nicht schönreden. Zumindest wiederholt er das noch mehrmals an diesem Abend. Alleingänge wie 2015 dürfe es jedoch dieses Mal nicht geben, fordert Weber. „Alle wollen nach Deutschland. Das geht nicht.“

          Weber plädiert in der Migrationspolitik deshalb für eine Mischung aus Humanität und Härte: Humanität, als dass kein Mensch im Mittelmeer ertrinken dürfe und man durch humanitäre Visa gezielt hilfsbedürftige Menschen nach Europa holen solle. Härte, in dem man abgelehnte Migranten konsequent in ihre jeweiligen Heimatländer zurückführen solle. Denn weder der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch die Schlepper dürften entscheiden, wer nach Europa gelange. Die Europäer selbst sollten entscheiden.

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