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TV-Kritik „Anne Will“ : Die Verwirrung ist perfekt

Die Talk-Runde bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Weder Konjunktur noch Klima geht es sonderlich gut. Doch ob Deutschlands Wohlstand nun sicherer oder unsicherer wird, konnte man am Sonntagabend nicht erfahren.

          6 Min.

          Es gehört zu den Kuriositäten der öffentlich-rechtlichen Talkshows, Themenpaletten miteinander in Verbindung zu bringen, die direkt wenig miteinander zu tun haben, auf gut Deutsch: viele Dinge in einen Topf zu werfen. Bangt man um das Interesse des Millionenpublikums, wenn inhaltliche Tiefe an die Stelle von thematischer Breite tritt? Ist es der Versuch, wie manche Traditionswarenhauskette jeden Einzelnen mit etwas scheinbar Individualisiertem zufriedenzustellen? Falls Letzteres der Anspruch ist, dann blieb er am Sonntagabend in der Sendung von Anne Will nicht zum ersten Mal unerfüllt. Man muss wohl sagen: War dieses politische Unterhaltungskonzept einmal mehr zum Scheitern verdammt.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei sah es nach 30 von 60 Minuten gar nicht so schlecht aus. Die Diskussion mit dem Titel „Zwischen Konjunkturflaute und Klimaschutz – wie sicher ist Deutschlands Wohlstand?“ glich anfänglich dem erklärten Parforceritt durch die Irrungen und Wirrungen von Konjunktur und Strukturwandel, war dann aber kurz davor, gehaltvoll zu werden, als es um die konkrete Ausgestaltung marktwirtschaftlicher Wirtschaftspolitik ging. „Wir wollen die Märkte der Zukunft erschließen“, forderte Annalena Baerbock. Es war ein Satz, den die am Wochenende frisch im Amt bestätigte Grünen-Vorsitzende auch auf dem Parteitag fast jeder beliebigen anderen Partei hätte sagen können.

          Weg vom Verbrennungsmotor

          Zurecht wies FDP-Chef Christian Lindner sie im Streit um die Neuausrichtung der deutschen Autoindustrie auf diesen Umstand hin, nachdem er zuvor noch selbst das modische Lied auf die Technologieoffenheit, den Wasserstoff und die synthetischen Kraftstoffe angestimmt hatte, bei dem ohne nähere Erläuterung auch erst einmal niemand etwas einzuwenden hat. Baerbock bestand darauf, einzig und allein fossil betriebenen Antrieben das Ende bereiten zu wollen, also Diesel- und Benzinmotoren: 2030 sollten Neuzulassungen verboten werden, ansonsten werde es nichts mit dem Klimaschutz. Doch tatsächlich hatte sie unmissverständlich zu verstehen gegeben, vom Verbrennungsmotor als Ganzes weg zu wollen und einzig in der batteriebetriebenen Elektromobilität die Zukunft zu sehen.

          „China und die Vereinigten Staaten machen es doch vor“, sagte die Grünen-Chefin. Bei Wasserstoff hätten die deutschen Hersteller gegenüber den Japanern den Anschluss verpasst, auf Hybridmodelle, die Brennstoffzelle und Kraftstoffe auf biologischer oder synthetischer Basis ging sie nicht ein, mit anderen Worten: Dem Elektroauto gehört die Zukunft, ökologischer Fußabdruck in der Herstellung und fossil dominierter Strommix hin oder her. Unterstützung bekam Baerbock von Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Sitz in Berlin, das auch sonst nicht mit großer Distanz zu der Ökopartei von sich reden macht. Dennoch entzündete sich an diesem Punkt eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Wirtschaftspolitik, die, ganz ohne Zutun der Moderation, überraschend Züge einer Konsensfindung aufwies.

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