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TV-Kritik „Anne Will“ : Sie müssen die Reformation nachholen!

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen die Ergebnisse des Anti-Missbrauchs-Konzils im Vatikan, hier mit Matthias Katsch, dem Sprecher der Betroffenenorganisation „Eckiger Tisch“. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Das Anti-Missbrauchs-Konzil im Vatikan ist vorbei. Zeit, die Ergebnisse zu diskutieren. Doch bei Anne Will wird schnell klar, dass die Kirchenvertreter weiter im PR-Sprech verharren.

          Vor fünf Monaten diskutierte Sandra Maischberger über die Ergebnisse einer Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche. Das Fazit war damals durchwachsen. Nun geht es bei Anne Will weiter, denn auch nach der Anti-Missbrauchs-Konferenz bleiben viele Fragen: Die Rede des Papstes zum Abschluss bezeugt den Zwiespalt, in dem sich die Kirche befindet. Die Konferenz wich der Frage aus, ob das Sakrament der Priesterweihe zu einem Machtgefälle zwischen Geistlichen und Gläubigen führt, das Missbrauch begünstigt. Auch die Abschaffung des Zölibats und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt scheinen nach wie vor undenkbar.

          Ein Priester, der Kinder missbraucht, werde „zu einem Werkzeug Satans“ sagte der Papst. Bleibt die Ahndung daher dem Fegefeuer vorbehalten? Der Aufklärungswille kommt über vage Gelöbnisse nicht hinaus. Dass Täter der weltlichen Gerichtsbarkeit überantwortet werden, ist nicht so selbstverständlich, wie man erwarten könnte. Die Theologie, die sich einem Menschenopfer verdankt, zeigt sich außerstande, auf die verletzte Würde von Opfern ihrer Amtsträger angemessen zu antworten. Warum ist es nicht zu einem ausdrücklichen Schuldeingeständnis gekommen? Warum muss Satan aus der Kiste geholt werden? Wo bleibt das „Pater, peccavi“ der katholischen Kirche?

          Was hat den Papst dazu verleitet, den „Gerechtigkeitswahn“ zu geißeln, obschon das Verlangen nach Gerechtigkeit aus Sicht der Missbrauchsopfer der einzige gangbare Weg ist, die Glaubwürdigkeitskrise der Kirche zu überwinden? Wenn er am Ende darüber klagt, dass unter den Skandalen das Ansehen der Kirche leide, erniedrigt er das eigene Amt auf dem Stuhle Petri zu dem eines PR-Beauftragten.

          Das Konzil enttäuscht

          Matthias Katsch, der vor neun Jahren seinen am Canisius-Kolleg in Berlin erlittenen Missbrauch öffentlich gemacht hat, ist enttäuscht von den Ergebnissen der Konferenz. Er hatte gehofft, dass die versammelten Kirchenoberen sich der Schuld und dem eigenen Versagen stellen würden. Windelweiche Erklärungen habe es in den vergangenen Jahren zuhauf gegeben. Es mangelt ihm an Konsequenzen.

          Bischof Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bischofskonferenz, beherrscht meisterhaft das Parlando der Krisenkommunikation. Nur geht es bei diesem Skandal nicht um das Verklappen von Dünnsäure in der Nordsee oder um Hygienemängel in der Fleischverarbeitung, sondern um die Lebensführung von geistlichen Würdenträgern, die sich an Schutzbefohlenen vergangen haben. Was geht in ihm vor, wenn er davon redet, dass Maßnahmen „auf den Prüfstand“ gehören? Wer prüft da was? Sein Prüfstand ist ein Sankt-Nimmerleins-Institut. Vom Papst hatte er eine „To-do-Liste“ erwartet, aber zeigt sich mit den Ergebnissender Konferenz durchaus zufrieden.

          Heribert Prantl ist der ungläubige Thomas des Abends und legt die Finger des gelernten Staatsanwalts, der er einst war, in die offenen Wunden. Was rechtfertigt gnadenlose Strenge gegenüber Laien und brüderliches Verständnis für Amtsbrüder? An welchen Taten wird sich die Kirche messen lassen? Ihren Überlegenheitsanspruch habe sie jedenfalls verwirkt. Die erhoffte Umkehr sei in Rom nicht eingetreten. Die Katholische Kirche stecke in einer Jahrtausendkrise. Seitdem in Deutschland immer mehr Missbrauchsfälle bekannt wurden, habe sich die Frage gestellt, ob die für Vertuschung Verantwortlichen sich der Strafvereitelung schuldig gemacht haben. Die Umbettung eines Sexualstraftäters in ein Kloster könne nicht die richtige Antwort sein.

          Archive öffnen

          Nach der Missbrauchsstudie sei es an der Zeit, die Akten und Archive vollständig zu öffnen. Bischof Ackermanns Vorbehalte wegen Datenschutz und Schutz der Privatsphäre lässt Prantl nicht gelten. Der gute Wille, den der Bischof der eigenen Institution attestiert, ist von so vielen kleingedruckten Vorbehalten umzingelt, dass Aufklärung nur in Tippelschritten voran kommt.

          Mit Johannes-Wilhelm Rörig sitzt der „Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ in der Runde. Als Jurist zweifelt er daran, ob es gelingt, das derzeitige Kirchenrecht kurzfristig zu ändern. Wer Kinder schützen wolle, müsse beharrlich in langen Zeiträumen denken. Das klingt ein bisschen zu salvatorisch.

          Für das Fahrplanaufstellen ist die Zeit abgelaufen. Eine klare Aussage von Rörig: Nicht verjährte Taten müssen verfolgt werden. Die Verjährungfrist beginnt mit dem 30. Lebensjahr von Opfern sexuellen Missbrauchs und endet 20 Jahre darauf. Heribert Prantl reicht das nicht. Auch verjährtes Unrecht müsse aufgearbeitet werden.

          Die Stunde weltlicher Gerichte

          Matthias Katsch fand keinen Zutritt zum Konzil in Rom. Das Reinlassen gibt es nur im Karneval, nicht hinter die Mauern des Vatikans und seiner Archive. Katholisch geprägte Länder haben der Kirche zu lange freie Hand gelassen. Über Priester, die sich strafbar gemacht haben, sollen weltliche Gerichte urteilen. Nach der Veröffentlichung der Studie der Bischofskonferenz haben in Deutschland Staatsanwälte Ermittlungen aufgenommen. In der päpstlichen Glaubenskongregation gebe es nur 17 Leute, die die Akten von Missbrauchsfällen bearbeiten.

          Bischof Ackermann zitiert ohne Quellenangabe die Bibel: Alles hat seine Zeit. Für die Kirche heißt das, ihre Uhren laufen anders. Dann folgt abermals PR-Sprech: Es gehe darum, Kulturen zu verändern, Maßnahmen zu implementieren und etwas „zur Chefsache“ machen.

          Prantl reißt der Geduldsfaden. Das Fundament der Kirche wackelt, und sie streiche nur ihre Fassaden. Solange die Kirche die eigene Sexualmoral und das Zölibat nicht in Frage stellt, so lange drücke sie sich vor der Aufklärung.

          Agnes Wich ist nach mehrfachem Missbrauch als damals neunjähriges Mädchens durch einen Pfarrer mit 18 Jahren aus der Katholischen Kirche ausgetreten, mit 61 Jahren ist sie wieder eingetreten. Was hat sie dazu bewegt? Sie habe auf der Suche nach Spiritualität ihre Glaubenswurzeln wieder gefunden. Von den Ergebnissen des Konzils ist sie enttäuscht. Sie bezeugt, wie die Achtung vor dem Amt des Priesters die Gläubigen geradezu ohnmächtig macht, wenn in einer Gemeinde schon Sorgen laut werden, was der Pfarrer mit den Kindern in seinem Haus mache.

          Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, bringt es härter, zum Missfallen mancher Kardinäle, zur Sprache: Der Missbrauch von Macht stecke in der DNA der Kirche. Heribert Prantl wirft trocken ein, die DNA sei nicht gottgegeben. An Bischof Ackermann gerichtet sagt er: „Herr Bischof, Sie müssen die Reformation nachholen!“ Wenn die Politik beim Thema Parität allmählich voran komme, werde das auch ein Thema für die Kirche, auf allen Ebenen. Ackermann verweist auf Frauen in Leitungsverantwortung, das klingt aber nicht sehr glaubhaft. Prantl tarockt nach. Frauen seien keine Christen zweiter Klasse.

          Schließlich kommt auch noch das Thema des Schadensersatzes für Missbrauchsopfer zur Sprache. Matthias Katsch fordert angemessene Entschädigungen und nicht nur symbolische Anerkennungszahlungen. Ackermann will auch das auf seinen Prüfstand bringen. Die Anerkennungszahlungen erfolgten aus Gehaltsabzügen bei den Missetätern. Prantl plädiert für einen neuen Straftatbestand der Vertuschung von Sexualstraftaten. Das gehört auch auf den Prüfstand.

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