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TV-Kritik: Anne Will : Der Bürger als Erfüllungsgehilfe der Politik

  • -Aktualisiert am

Anne Will und ihre Gäste in der Sendung am Sonntagabend. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Was kann Deutschland im Kampf gegen die Pandemie von Ländern in Asien lernen? Darüber diskutierten die Gäste in der Talkshow von Anne Will. Die Antwort: So manches, eines aber besser nicht.

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          In der Epidemiologie gibt es eine für Laien nachvollziehbare Strategie, wie sich Pandemien stoppen lassen. Sie muss man schon an ihrem Ursprungsort isolieren, damit sie sich gar nicht erst zu einer Pandemie entwickeln kann. Das haben die meisten Staaten in Südostasien gemacht, als es im Dezember vergangenen Jahres die ersten Meldungen aus China über ein neues Virus gab. Sie unterbrachen den Reiseverkehr mit China, versuchten vom ersten Tag an das Geschehen unter Kontrolle zu behalten. Diese schnelle Reaktion hatte nicht zuletzt etwas mit den Erfahrungen aus früheren Epidemien zu tun, wo die Regierung in Peking solche Ausbrüche systematisch vertuscht hatte.

          In Europa reagierte niemand: Wir freuten uns auf Weihnachten und Silvester. Es gab bei uns auch keine Epidemiologen, die im vergangenen Dezember ihre Regierungen zu solchen drastischen Maßnahmen rieten. In Europa hielt man bis in das Frühjahr an der These fest, solche Reisebeschränkungen seien wirkungslos. Diese wurde nicht zuletzt von der chinesischen Regierung und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vertreten. Das hinderte Peking später natürlich nicht daran, solche Maßnahmen selber zu verhängen.

          Das Versagen unserer Epidemiologen

          Eine solche Präventionspolitik wäre in Europa wohl auch nicht durchsetzbar gewesen. Sie wäre von den üblichen Verdächtigen sofort unter Rassismus-Verdacht gestellt worden. Noch wichtiger war aber vor allem in Deutschland die Sorge um die guten Handelsbeziehungen mit China, das eine solche Politik zweifellos als diplomatischen Affront gewertet hätte. Schließlich bemühte man sich zu diesem Zeitpunkt bei uns, nicht in das Fahrwasser der sich verschlechternden Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China zu geraten. Darüber hätte man gestern Abend in der Sendung von Anne Will in aller Offenheit reden können. Etwa über das Versagen unserer Epidemiologen im Dezember und Januar, die die frühe Reaktion der Staaten in Südostasien schlicht ignorierten. Damals war es bei uns außerdem die herrschende Meinung, das Tragen von Masken als kulturelle Eigenart der Asiaten anzusehen, aber halt ohne wissenschaftliche Evidenz zur Vermeidung von Ansteckungen. Das ersparte sich die Runde von Frau Will. Stattdessen ging es nur um ein Thema: Die von den Chinesen Ende Januar in Wuhan als epidemiologische Wunderwaffe eingeführte Politik der radikalen Unterbindung aller sozialen und gesellschaftlichen Aktivitäten.

          Es gibt im Westen einen Wissenschaftszweig, der von diesem Ansatz besonders überzeugt ist. Es sind die theoretischen Epidemiologen, die mit ihren Modellen das Infektionsgeschehen als ein berechenbares Geschehen menschlichen Verhaltens betrachten. Als eine der prononciertesten Vertreterinnen dieses Ansatzes profilierte sich in den vergangenen Monaten die Göttinger Physikerin Viola Priesemann. Sie vertritt die These einer theoretisch möglichen Ausrottung des Virus durch die Unterbindung aller sozialen Kontakte. Wenn sich niemand mehr trifft, könnte es niemanden finden, den es anstecken könnte. So formuliert sie seit Monaten im Konjunktiv als epistemiologischen Dauerzustand. Wenn sich am Ende niemand mehr ansteckt, könnte sie sogar recht behalten. Etwas despektierlicher ausgedrückt, handelt es sich um die Geschichte vom Hund, der Notdurft und dem entkommenen Hasen. Eines war von Frau Priesemann leider abermals nicht zu erfahren: Wie sie eigentlich den Hund daran hindern will, seine Notdurft zu verrichten, um stattdessen den Hasen zur Strecke zu bringen?

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