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TV-Kritik: „Anne Will“ : Der Brexit als böses Zaubermärchen?

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutiert mit Gästen in ihrer Sendung vom 7. April 2019 zur Frage: „Wie lange denn noch? Das Ringen um den Brexit“ Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die Zeit läuft ab: Bei Anne Will erspüren Ursula von der Leyen und Günter Verheugen, was aus Großbritannien nach diesem Freitag wird. Es gibt Vorboten guten Willens.

          Das Ergebnis des Referendums von 2016 war knapp. Bei einer hohen Beteiligung haben Nordiren und Schotten gegen den Brexit gestimmt, England und Wales dafür. Mehrheiten für den Verbleib gab es in den großen Städten, bei den Gebildeten, den Jungen und den Wohlhabenden. Mehrheiten für den Ausschied gab es auf dem Land, bei den Alten und den Armen.

          Die Spaltung des Vereinigten Königreichs führt seither dazu, dass das Leave-Votum im Grabenkrieg zwischen Regierung und Parlament wie eine historische Schlacht unentwegt nachgestellt wird – wobei beide Seiten an der Sinnhaftigkeit des Theaters zweifeln, das sie veranstalten. Die Premierministerin bleibt so lange im Amt, bis sie als Schurkin für das Schlamassel in Haftung genommen werden kann. Dann hat sie ihre Schuldigkeit getan.

          Zugleich zerlegen sich die beiden politischen Parteien zu Kleinholz. Verhandlungen der Labour-Führung mit der Premierministerin werden mit größtem Argwohn beäugt. Verratsvorwürfe werden zuhauf geäußert. Die hartgesottenen Brexiteers basteln an ähnlichen Verschwörungstheorien, wie man sie vor hundert Jahren nach dem Vertrag von Versailles in Deutschland geschmiedet hat. Vergifteter kann die Lage kaum mehr sein. Ein Zaubermärchen ohne rettende Fee. Ein Ende mit Schrecken kann niemand wollen, aber es wird immer wahrscheinlicher.

          Atemlos von Akt zu Akt taumeln

          Nun dreht sich die Lage gewiss nicht durch eine deutsche Talkshow , auch wenn mit Ursula von der Leyen eine leibhaftige Verteidigungsministerin und mit Günter Verheugen ein einstiger europäischer Erweiterungskommissar mitreden. Ihnen gegenüber sitzen mit Philippa Whitford und Greg Hands zwei Abgeordnete des Unterhauses, die eine als Mitglied der Scottish National Party gegen, der andere als Tory-Abgeordneter inzwischen für den Brexit. Annette Dittert, Leiterin des ARD-Stuidos in London, verwandelt sich in eine Theaterkritikerin, die atemlos von Akt zu Akt taumelt und nur mitteilen kann, dass das Stück noch immer weiter geht. Ein Kippmoment ist nicht in Sicht, egal in welche Richtung.

          Dabei gibt es Vorboten eines guten Willens. Das Schauspiel der hartgesottenen Brexit-Intriganten mit Ehrgeiz, nach dem Schlamassel Mays Nachfolge anzutreten, stößt selbst bei Parteifreunden auf Abscheu. Käme es zu einer Verlängerung über den 22. Mai hinaus, wie manche Auguren orakeln, könnte das Europäische Parlament davon profitieren, dass aus dem Vereinigten Königreich eine junge Garde pro-europäischer Abgeordneter den Wind dreht. Die britischen Wählerinnen und Wähler werden nicht abermals auf Leute wie Nigel Farage reinfallen.

          Ein Hauch von Bundestag

          Mit Neugier und Wohlwollen kommentiert Frau von der Leyen die Kompromissverhandlungen zwischen Labour und Tories. Darüber weht ein Hauch von Bundestag, wie man ihn in London bisher so gar nicht kannte. Ob tatsächlich niemand der Verhandelnden einen harten Brexit will, daran gibt es allerdings Zweifel.

          Greg Hands hat sich einen gedrechselten Spruch mitgebracht: „It takes two to tango!“ – womit er offen lässt, wer die Führung übernimmt. Er versucht mehrfach, den irreführenden Eindruck zu erwecken, eine knappe Unterhausentscheidung aus dem Januar biete einen Ausweg. Darauf hat die EU eindeutig geantwortet. Zur Sicherung des Friedens auf der irischen Insel gebe es keine Alternative zum Backstop. Frau Whitford macht deutlich, warum die Schotten so an der EU hängen. Sie brauchen Zuwanderung qualifizierter Leute aus Europa.

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