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TV-Kritik: Anne Will : Den Rest der Welt für dumm verkaufen

  • -Aktualisiert am

Anne Will sprach u.a. mit Norbert Röttgen von der CDU. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die Gäste von Anne Will bemühten sich, die Folgen des Mordanschlags auf Aleksej Nawalnyj zu klären. Eine Politikerin musste sich den Vorwurf gefallen lassen, Verschwörungstheorien zu verbreiten.

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          Ein Mann sitzt in Russland in einem Flugzeug. Nach seiner Landung im sibirischen Omsk fällt er ins Koma und wird mit schweren toxikologischen Symptomen in ein Krankenhaus gebracht, kurze Zeit später zur weiteren Behandlung nach Berlin geflogen. Während er dort um sein Leben kämpft, stellt ein Labor der Bundeswehr die Ursache fest: Es ist ein Nervengift namens Nowitschok, spätestens seit dem Anschlag auf den Doppelagenten Sergej Skripal vor zwei Jahren in England ein Stoff von zweifelhafter Berühmtheit. Die Täter haben somit eine Art Visitenkarte hinterlassen, trotzdem sind sie bis heute unbekannt.

          Bei diesem Mordanschlag auf den russischen Oppositionellen Aleksej Nawalnyj handelt es sich zweifellos um eine Verschwörung, wenn es denn kein Einzeltäter gewesen sein sollte. Insofern war es recht seltsam, dass sich gestern Abend in der Talkrunde von Anne Will der frühere deutsche Diplomat Wolfgang Ischinger und die Außenpolitikerin Sevim Dağdelen (Linke) wechselseitig den Vorwurf machten, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Dabei hätte das kein zweitklassiger Spionagethriller besser erfinden können. Es ist alles dabei: Hintermänner und Drahtzieher, Vertuschungsversuche und Desinformation.

          Es gibt Verschwörungen

          Verschwörungstheorien stellen sich die Welt vor wie in einem James Bond-Film. Ein Kartell von Bösewichten bedroht die Welt, die am Ende von einem Helden gerettet wird, der immer aussieht wie Sean Connery. Solche Verschwörungstheorien ersetzen das analytische Denken. Trotzdem gibt es weiterhin Verschwörungen – wie die gegen Nawalnyj .

          Hier trafen bei Anne Will zwei konträre Sichtweisen aufeinander, wobei Frau Dağdelen ihre gegen die aller anderen Gäste vertrat. Ihre Position beruhte auf einer Sichtweise des bewussten Nicht-Wissens. Sie weigerte sich, diesen Mordanschlag auf russischem Hoheitsgebiet an einem russischen Staatsbürger mit dem Handeln der Regierung in Moskau in Verbindung zu bringen. So war es auch nur zu erklären, warum sie andere Verantwortliche für den Mordanschlag nicht ausschließen wollte. Zudem plädierte sie für eine an den Rechtsstaat orientierte Kooperation deutscher und russischer Strafverfolgungsbehörden. Das hört sich bekanntlich immer gut an.

          Mit Putin reden, nur in welcher Sprache?

          Die Gegenposition formulierten die beiden Außenpolitiker Norbert Röttgen (CDU) und Jürgen Trittin (Grüne). Beide interpretierten diesen Mordversuch als einen Beleg „für ein politisches System, wo der Mord an Oppositionellen System hat“, so Trittin. Wer dagegen den im diplomatischen Verkehr üblichen Nuancen schon immer skeptisch gegenüberstand, wurde bei Röttgen fündig. Seine Verurteilung des russischen Präsidenten und des von ihm vertretenen Regimes ließ allerdings wenig Spielräume für zukünftige Verhandlungen mit Moskau. Immerhin kandidiert Röttgen für den CDU-Parteivorsitz und wäre nach seiner Wahl wahrscheinlich Kanzlerkandidat der Unionsparteien, trotz der Gerüchte um eine Alternative aus Bayern. Röttgen plädierte dafür, mit Putin „in einer Sprache zu reden, die er versteht.“ Auf die Gespräche eines Bundeskanzlers Röttgen mit dem Autokraten in Moskau dürfte man gespannt sein. Der gelernte Tschekist Putin spricht bekanntlich Deutsch.

          Linke Außenpolitiker wie Frau  Dağdelen mutieren bei den deutsch-russischen Beziehungen zu Realpolitikern, während frühere Konservative zu Idealisten werden, die von einem „Freiheitsvirus auf dem Roten Platz“ in Moskau träumen – so formulierte das Röttgen. Das erinnerte zwar den historisch bewanderten Zuschauer an die Rhetorik des früheren amerikanischen Außenministers John Foster Dulles in den 1950er Jahren, der die Befreiung der unter sowjetischer Knute lebenden Osteuropäer propagierte. Aber damit zugleich an die weitgehende Folgenlosigkeit solcher Worte in der politischen Praxis, wie sich spätestens bei der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956 zeigte. Der Westen tat nichts, um den Ungarn zu helfen. Faktisch hatte er die nach dem Krieg gezogenen Einflusssphären in Europa akzeptiert, damit aber zugleich jeden Versuch zurückgewiesen, sie zu seinen Lasten zu verändern.

          Diese Einflusssphären waren nach dem Fall der Mauer obsolet geworden, landeten aber mit der Amtsübernahme Putins vor 20 Jahren wieder auf der Tagesordnung. Es geht um die Zukunft der sowjetischen Nachfolgestaaten, etwa die Ukraine oder Belarus, und die Frage ihrer Zugehörigkeit zum Westen. Im Vergleich zur Ukraine-Krise hält sich der Westen in den aktuellen innenpolitischen Auseinandersetzungen in Belarus auch zurück: Von einer Perspektive auf einen EU- oder Nato-Beitritt ist heute nicht mehr die Rede.

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