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TV-Kritik: Allein unter Ärzten : Nicht ohne seine Tochter

Werden schwer geprüft: Hannes Jaenicke und Nina Gummich Bild: SAT.1/ Hardy Spitz

Hannes Jaenicke zeigt, wie ein Vater auch sein kann. Als Macho mit Selbstironie kämpft er gegen die Krankheit seiner Tochter. Das erinnert an Zeiten, in denen Sat.1 noch gute Filme machte.

          Endlich mal ein Mann mit einem Mutterkomplex. Oder besser gesagt: mit einem Bemutterungskomplex. Harald Westphal, ehemaliger Bundeswehroffizier, ist zwar ein kerniger Typ, durchtrainiert bis zum Trizeps und jederzeit bereit zu kämpfen. „Kimme und Korn, immer nach vorn“ ist sein Leitspruch. In Wahrheit aber ist der Witwer weniger Kommandeur denn Mutter der Kompanie, also seiner Familie. Er ist eine Super-Nanny, geeicht auf Fürsorge, die manche Probleme erst schafft.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hannes Jaenicke hat dieses Rollenmodell (von dem es im deutschen Fernsehen nur wenige gibt) bei Sat.1 schon viermal mit Leben gefüllt. Stets war er „Allein unter“ - Müttern, Töchtern, Schülern und Nachbarn. Jetzt sind es Ärzte, mit denen er sich herumschlagen muss. Seine Tochter Marla (Nina Gummich) ist schwer erkrankt. Es ist nicht nur der Blinddarm, wie zunächst alle denken. Marla droht zu ersticken, ihre Nieren versagen. Wie schlimm es wirklich um sie steht, will ihr Vater erst einmal nicht wahrhaben, den jungen Stationsarzt verdonnert er, es für sich zu behalten. Was selbstverständlich keine gute Idee ist und erst recht zu einer Krise führt. Marla will ihren Vater nicht mehr sehen, auch nicht ihre kleine Tochter, den Heiratsantrag ihres Freundes Isko (Johann David Talinski) weist sie zurück. Eben noch tummelte sich die Familie bei einem chaotischen Camping-Ausflug, nun muss sie gewärtigen, dass Marlas Überlebenschancen fifty-fifty stehen.

          Er tobt sich richtig aus

          Da verwandelt sich die Komödie, zu der Carolin Hecht wie zu den anderen „Allein unter ...“-Filmen das Drehbuch geschrieben hat und bei der Oliver Schmitz Regie führt. Vater Westphal macht sich zwar noch das eine oder andere Mal auf sympathische Weise lächerlich, der Kampf um seine Tochter aber ist einer auf Leben und Tod. Und die Ärzte sind nicht nur genervt von der wilden Familie, sie sind zunehmend ratlos. Das Mutter-und-Kind-Zimmer, in dem Vater Westphal biwakiert, wird zum Sterbezimmer.

          Den Film trägt etwas schwer an dieser Wendung ins Dramatische, aber es trägt ihn glücklicherweise nicht aus der Kurve. Dafür sorgen Buch und Regie, vor allem aber die Schauspieler. Nina Gummich hat für ihre Rolle in der „Allein unter ...“-Reihe schon einmal den Bayerischen Fernsehpreis bekommen. Für ihren jetzigen Auftritt könnte man ihr auch einen geben. Hannes Jaenicke wiederum ist der Macho mit Selbstironie längst zur zweiten Haut geworden - der Part steht ihm ausgesprochen gut. Er beweist, dass er Komödie und Tragödie gleichermaßen beherrscht, er tobt sich richtig aus.

          Bleibt nur ein Makel: Für Komödien wie diese, die es nicht nur auf Gags am laufenden Band abgesehen haben, war der Sender Sat.1 einmal berühmt. Moderne Familien-, Alltags- oder Krimistücke, Fernsehfilme und Serien, ohne die bei ARD und ZDF immer noch anzutreffende Betulichkeit, das ging den Filmemachern bei Sat.1 lange Jahre leicht von der Hand. Es war ein Markenzeichen des Senders. Inzwischen ist es leider die Ausnahme. Das sollte man ändern. Jemanden wie diesen Elitekämpfer Westphal und seine Bagage kann Sat.1 gerne jederzeit wieder losschicken.

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