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„Was ich von Dir weiß“ im ZDF : Wir dürfen nicht so enden

  • -Aktualisiert am

Muss sich entscheiden: Ruth (Thekla Carola Wied). Bild: ZDF und Wolfgang Ennenbach

Ruth und Martin sind verheiratet, haben sich aber nichts mehr zu sagen. Neue Partner sind auch im Spiel. Und auf allem lastet die Trauer um eine tote Tochter: Der Film „Was ich von dir weiß“ ist ein starkes Stück.

          Schwülstig palavernde Philosophieprofessoren sind im Fernsehen immer eine Gefahr. So erliegt auch hier eine Studentin ihrem bei jeder Gelegenheit mit Kierkegaard-Zitaten über die allein subjektive Wahrheit auftrumpfenden Dozenten (August Zirner). Allerdings ist die Situation ein wenig anders als üblich: Es handelt sich um die seit zweiundvierzig Jahren verheiratete Seniorenstudentin Ruth Seger, die mit dieser vom Professor herzlich erwiderten Amour fou für kurze Zeit der Langeweile einer sich auseinandergelebt habenden Ehe entgehen will, ohne diese wirklich in Frage zu stellen. Und doch drückt Thekla Carola Wieds vielseitiges Mienenspiel selbst in den Momenten, in denen sie glücklich zu sein scheint, ein Leiden aus, das man sich zunächst schwer erklären kann. Hat das allein mit der Tatsache zu tun, dass ihr angehimmelter Philosoph einen Ruf an die Sorbonne erhalten hat – ja, es muss gleich die Stadt der Liebe sein – und sie bittet, mit ihm zu gehen?

          Ruth vertraut sich ihrem Sohn Daniel (Daniel Wiemers) an, und der steht voll hinter ihr. Sein Vater Martin (ein ebenfalls dauerleidender Uwe Kockisch) führe nämlich, wie er Ruth verrät, bereits seit zwei Jahrzehnten ein Doppelleben mit einer viel jüngeren Frau. Ruth wirft diese Nachricht mehr aus der Bahn als die Einladung zu einem Leben in Paris, aber es ist erst der Anfang der Erkenntnis, dass beide Ehepartner schon lange nichts mehr voneinander wissen. Von außen betrachtet, scheint die Balance damit sogar wiederhergestellt: zwei Töpfe, zwei Deckel. Das muss, so denkt man kurz, nicht einmal auf eine Scheidung hinauslaufen: Die Segers sind schließlich lange genug verheiratet, um sich Freiheiten einzuräumen, vielleicht sogar das Glück mit anderen Partnern zu gönnen und zu einer großen Familie zu werden. Die Kinderfrage hat sich ja längst biologisch erledigt.

          Neu entflammt: Ruth (Thekla Carola Wied) hat Georg (August Zirner) getroffen.

          Da aber wird der Griff der Erzählung fester, wandelt sie sich zur Elegie. Denn wir erfahren, was Ruth und Martin auf furchtbare Weise miteinander verbindet und zugleich derart gebrochen hat: Sie haben vor Jahrzehnten ihre Tochter verloren. Dass das Drehbuch von Isabel Kleefeld diesen Tod mit einem weiteren Geheimnis umgibt, wäre gar nicht nötig gewesen. Wie der Film gut zum Ausdruck bringt, ist das Trauma, den Tod des eigenen Kinds zu erleben, so übermächtig, dass es das gesamte weitere Leben überstrahlt. Es lässt auch die Affären wieder unwichtiger erscheinen. Nur den Verrat am Vertrauen kann Ruth ihrem Mann nicht verzeihen, seinen Rückzug auf die eigene, subjektive Wahrheit, das Verstummen im Schmerz. Hier erreicht der Film, für dessen ruhige, konsequente, ja bezwingende Regie ebenfalls Isabel Kleefeld verantwortlich zeichnet – umgesetzt durch treffend unprätentiöse, das Dramatische oft nur andeutende Bilder von Martin Langer –, seine größte Intensität. Im Kern handelt er davon, wie die Lüge, wenn sie sich einmal in ein Leben eingehakt hat, wächst und wuchert und schließlich monströs wird. Man lebt mit ihr immer nur auf Pump.

          Aber auch Martin, dieser tieftraurige ehemalige Polizist, wird nicht denunziert. An der Seite seiner Zweitfrau Melanie (Jasmin Schwiers), die er einst aus der Drogenabhängigkeit herausgeholt hat und die inzwischen in einem Tierheim arbeitet, wirkt er höchst sensibel. Er geht mit ihr und den Tieren um wie ein liebender Vater. Die Symbolik ist mitunter etwas überdeutlich. Da sucht etwa eine aufgeregte Hundemutter nach einem ihrer verschwundenen Welpen, und Martin sorgt dafür, dass sie das gestorbene Tier noch einmal zu Gesicht bekommt: „Sie muss ihn sehen – und begreifen.“ Bei der eigenen Tochter hat er im Grunde das Gegenteil gemacht. Gespiegelt wird die Handlung der zerbrechenden Ehe von Martin und Ruth in der wegen einer anderen Frau ebenfalls in die Krise geratenen Ehe des Sohns, hier freilich mit dem Clou, sich die Wahrheit früher zuzumuten: „Wir dürfen nicht so enden, dass keiner mehr etwas vom anderen weiß.“

          Das Finale übertreibt es dann ein wenig mit dem Tragischen, denn so viele aufbrechende Geheimnisse, so viel Unglück auf einen Schlag, das ist selbst im Fernsehfilm nicht üblich. Freilich behalten die Schicksalsschläge nicht das letzte Wort, denn das gehört natürlich Kierkegaard, der glaubte, am Ende des Lebens frage die Ewigkeit einen jeden nur dieses eine: „Lebtest du in Hoffnungslosigkeit oder nicht?“ Und eine zarte Hoffnung sehen wir inmitten all der Rettungslosigkeit dann tatsächlich noch aufkeimen. Das überorchestrierte Ende aber kann den Gesamteindruck kaum trüben: Grimme-Preis-Trägerin Isabel Kleefeld („Arnies Welt“), die zuletzt mit der stereotypen Komödie „Zweibettzimmer“ hervorgetreten ist, hat mit dieser melancholischen, dank hervorragender Schauspieler höchst glaubhaften Tragödie eine bemerkenswert komplexe, präzise und tiefschürfende Reflexion über die Abgründe innerhalb einer Partnerschaft realisiert.

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