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TV-Film im ZDF : Der Junge sollte nicht im Heim landen

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Alexander (Joshio Marlon) und Carlos Benede (Matthias Koeberlin) fassen Vertrauen zueinander. Bild: ZDF/Barbara Bauriedl

„Der Polizist, der Mord und das Kind“ erzählt die wahre Geschichte eines Kommissars, der einen Schützling adoptiert. Der Elfjährige hatte schreckliches mitansehen müssen. Von dem Film können viele etwas lernen.

          Die Polizei habe „Freund, Helfer und Kamerad der Bevölkerung“ zu sein, formulierte der neue preußische Innenminister Albert Grzesinski, ein Sozialdemokrat, der davor Polizeipräsident gewesen war, 1926 in einer Veröffentlichung zur Großen Polizeiausstellung in Berlin. Seine Worte gelten als Wurzeln der Redewendung „Die Polizei, Dein Freund und Helfer“, die sich bis heute gehalten hat. Sie ist griffiger als sämtliche modernen Slogans wie „Stark für Dich“, ein Motto, mit dem das Bundesministerium des Innern für mehr Respekt gegenüber Polizei und Rettungskräften wirbt.

          Der elfjährige Alexander, von dem der 2016 gedrehte Film „Der Polizist, der Mord und das Kind“ erzählt, ist von der Polizei freilich bitter enttäuscht. Die Beamten rückten zwar an, als seine Mutter den Notruf wählte, vermochten aber nicht zu verhindern, dass der Vater, der die Trennung nicht hinnehmen wollte, Alexanders Mutter erstach, vor den Augen des Jungen.

          Er fährt ihn mit Blaulicht zur Eisdiele

          Umso stärker müht sich Carlos Benede (Matthias Koeberlin), ein Polizist des mit Prävention und Opferschutz befassten Kommissariats 314 in München, um einen respektablen Auftritt. Benede soll dem Jungen, dem einzigen Zeugen der Tat, in den Wochen nach der Verhaftung des Vaters und während des Gerichtsverfahrens zur Seite stehen. Bei der ersten Begegnung tritt er ihm ganz bewusst in der Uniform eines Schutzmanns gegenüber und fährt Alexander mit Blaulicht, wie gewünscht, zu einer Eisdiele in die Stadt.

          Der Film spult das alles so ab. Eine außergewöhnliche Struktur oder originelle Gestaltungsideen wird ihm niemand nachsagen können. Aber die Geschichte beeindruckt – weil sie wahr ist. Sie handelt von einem Polizisten, dem sein Schützling dermaßen nahegeht, dass er den Jungen bei sich aufnimmt, als ihn ein Mitarbeiter des Jugendamts darum bittet. Alexander hätte sonst im Heim leben müssen. Erzählt wurde diese Geschichte schon öfter. 2014 von der Reportage der „Süddeutschen Zeitung“, „Die Polizei, Dein Freund und Vater“, 2015 in der Dokumentation „Der Kommissar und seine Söhne“, die auch in der ARD-Mediathek liegt. Und nicht zuletzt von Carlos Benede selbst. Seine Autobiographie bekam den Titel „Kommissar mit Herz“, mal mit dem Zusatz „Meine Jungs, mein Leben, unser Weg“, mal mit dem Untertitel „Zwei Morde, zwei Jungs und wie ich eine neue Familie fand“. Die Geschichte hat die mediale Aufbereitung schon durch ihr Finale verdient: Einige Jahre nach der Aufnahme von Alexander (Joshio Marlon), der noch als Teenager von albtraumhaften Erinnerungen an die Tatnacht geplagt wird (den älteren Alexander spielt Vincent zur Linden), nimmt Benede einen weiteren Jungen zu sich, dessen Mutter vom Vater getötet worden war. Etwas später gründet er mit einem Sozialpädagogen ein Heim für Jugendliche und Kinder.

          Er musste achtgeben, dass er nicht selbst absoff,

          Die Verfilmung, die Dorothee Schön als Drehbuchautorin und Regisseur Johannes Fabrick eingerichtet haben, reißt die Geschichten des zweiten Jungen aber nur an, und das Heimkapitel muss man sich erlesen. Das ist eine weise Beschränkung, so kann sich der Film eingehend mit der Psyche eines traumatisierten Kindes befassen. Und wieviele Kinder gibt es, die Zeuge von häuslicher Gewalt werden, wenn auch nicht immer eines Mordes wie hier.

          Der Alltag von Benedes Dienststelle und sein Selbstbild bleiben uns weitgehend verborgen. Was hat dieser Mann, der einst im Drogenmilieu ermittelte und ans Aufhören dachte, als Polizist erlebt? In der preisgekrönten SZ-Reportage über Benede hieß es: „Er machte die Erfahrung, dass manche Menschen in Angst und Leid Ertrinkenden sich gleichen. Sie schlugen um sich, und wenn er sie weit draußen erreichte, musste er achtgeben, dass er nicht selbst absoff, wenn sie sich an ihn klammerten.“ Was treibt ihn an?

          Matthias Koeberlin fängt das nicht auf. Er versucht es, schaut betont gewissenhaft drein. Aber er kann sich nicht davon lösen, einen Sympathieträger zu spielen, und sein Benede hat auch nicht die Präsenz, die der echte Polizist in Dokumentationen ausstrahlt. Der Stolz des Teams, „diese Lebensgeschichte filmisch würdigen zu dürfen“, lässt den Film noch dazu vom Berührenden ins Rührselige driften, wo er sich das traurige Ende der Liebesbeziehung Benedes zu Valerie (Stefanie Stappenbeck) und seine Dankbarkeit gegenüber den Nonnen ausmalt, bei denen er aufwuchs.

          Sehenswert ist „Der Polizist, der Mord und das Kind“ trotzdem. Der Film richtet den Scheinwerfer nicht nur auf die Dramen, die sich in manchen Familien abspielen, sondern auf all jene, die hilfebedürftigen Kindern Halt zu geben versuchen. Wozu auch Fußballtrainer gehören. Wäre die Story nicht echt bis in solche Details, würde man sagen: ein herzerwärmender Vorweihnachtsfilm.

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