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TV-Film „Der König von Berlin“ : Die Ratten und der Filz

  • -Aktualisiert am

Kammerjäger: Lanner (Florian Lukas) rüstet sich gegen die Ratten. Bild: rbb\Julia Terjung

Das ist Edgar Wallace auf Speed für Liebhaber von harmlosen Räuberpistolenparodien mit politkritischem Anstrich: Der ARD-Film „Der König von Berlin“ nach einem Roman des Kabarettisten Horst Ewers.

          Eine Entwarnung kann gegeben werden: In dieser Edgar-Wallace-auf-Speed Genreparodie und Krimifarce nach einem Roman des Kabarettisten Horst Ewers (der in einem Miniauftritt als Putzmann zu sehen ist) färbt sich der Fernsehschirm zwar gelegentlich dunkelrot von unappetitlich explodiertem Gedärm und triefender Blutsauce, ernsthaft aber ist für „Der König von Berlin“ kein einziges Nagetier zu Schaden gekommen. Alle der hier gezeigten, laut Drehbuch mit einer LSD-Spezialdroge innerlich gesprengten Ratten sind als Visual Effects (VFX) von der Berliner Firma Celluloid Visual Effects GmbH & Co. KG digital erzeugt beziehungsweise per Hand animiert worden. Alles fake.

          Empfindliche Zeitgenossen haben außerdem die Möglichkeit, ihr tierschützendes Gewissen mit der letzten Einstellung des Films zu beruhigen: Da spielen zwei der intelligenten Nager possierlich im Gleisbett der Berliner S-Bahn. Dem infernalischen Ausrottungsszenario zuvor sind sie entgangen. Mit Sicherheit handelt es sich um Weibchen und Männchen. Die Fortpflanzungsfreude funkelt aus ihren Knopfaugen. Es steht zu vermuten, dass vor Ort schon bald alles beim Alten sein wird. Berlin als Hauptstadt von Filz und Korruption, eher arm als sexy, mit Drehorten wie Rotem Rathaus, TU Berlin, Hauptbahnhof und einem stillgelegten U-Bahnhof, bleibt eben Berlin, auch wenn der Kommissar aus Cloppenburg auf Weiterbildung, Carsten Lanner (Florian Lukas) zwischendurch mit der Kommissarsanwärterin Carola Rimschow (Anna Fischer) einmal so richtig wild mit dem Besen herumgefegt hat.

          Wer ist das fehlende „M“ in der Verschwörung?

          Andere Entwarnungen können nicht gegeben werden. Erwin Machalik, der „König von Berlin“ (Carl Heinz Choynski) liegt zu Beginn ausgebreitet und tot auf weichen Kissen, auf denen auch das Blut aus seiner Kopfwunde in Form einer Riesensauerei Platz gefunden hat. Lanner, der Polizeigast aus der Provinz, untersucht akribisch den Tatort, von dem Kommissar Kolbe (Max Hopp) ihn unbedingt entfernen will. Zum vermeintlichen Selbstmord des Großunternehmers in Sachen Berliner Schädlingsbekämpfung kommt das Auftauchen einer multiresistenten, aggressiven neuen Rattenart, die Spielplätze und Sushi-Restaurants überfällt, erschwerend hinzu. Soll die Stadt erpresst werden? Nahm Machalik das Geheimnis der Organisation „MaMMa“ mit ins Grab? Seit den Sechzigern macht die Vermutung eines Korruptionskartells zwischen Schädlingsvernichter und U-Bahn-Bauunternehmer Maschmann (Michael Hanemann) die Runde. Wer ist das fehlende „M“ in der Verschwörung? Diverse Namen bieten sich an.

          Zur Einsatzbesprechung mit dem Minister erscheinen Polizeipräsident Markowitz (Hendrik Arnst), Bürgermeister Koppelberg (Uwe Preuss), die trägen Söhne des Verstorbenen und Firmenerben Max und Helmuth (Rüdiger Klink und Daniel Zillmann), der eine dauerbesoffen, der andere strunzdumm, samt der intriganten Chefsekretärin Claire Matthes (Monika Hansen) und ihrem Sohn, dem Leiter des operativen Geschäfts, Toni „is’ egal“ Matthes (Marc Hosemann). Die Groteske versteht sich im übertragenen Sinn: In Berlin, so legt das Buch von Lars Kraume (auch Regie) nahe, müssen Kammerjäger im Untergrund mal gründlich für Wirbel sorgen.

          Große Abzüge in der B-Note: Die harmlose Mischung aus zahlreichen Running Gags, einigen witzigen Einzelszenen (etwa mit Carmen-Maja Antoni als robuste Hausangestellte) und harmlos politkritischem Anstrich ist für ausgesprochene Liebhaber von Räuberpistolenparodien ausgelegt. Die Verweise im Film, auf „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Der Malteser Falke“ beispielsweise, entstammen dem Kanon der Bildungshuberei und spiegeln sich nicht in der filmischen Gestaltung (Kamera Jens Harant). Zum Ende zieht sich der Spaß gehörig in die Länge. „Der König von Berlin“ hat als Farce wenig, nur als Albernheit Format.

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