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TV-Film: „Der Fall Jakob von Metzler“ : „Der Junge muss am Leben bleiben“

So intensiv haben wir ihn noch nicht auf dem Bildschirm gesehen: Robert Atzorn spielt den Frankfurter Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner in „Der Fall Jakob von Metzler“ Bild: ZDF/Hans-Joachim Pfeiffer

Das ZDF erzählt mit „Der Fall Jakob von Metzler“ eine Geschichte, die wahr ist. Sie erschüttert und regt zur Debatte an. Was darf die Polizei tun, um einem Täter Einhalt zu gebieten?

          Ein Mann kurvt durch die Stadt. Ein Mittelklassewagen, ein unscheinbarer Fahrer mit mürrischem Gesicht. Er hat früher Feierabend als sonst. Seine Frau öffnet zaghaft die Tür und fragt, warum. Die Fassade des schlichten Eigenheims trägt die Spuren von Farbbeuteln. Die beiden befinden sich erkennbar in einem Belagerungszustand. Es werde gegen ihn ermittelt, sagt der Mann im Trenchcoat, wegen Nötigung. Seines Amtes sei er enthoben. Wir schreiben den Februar 2004.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Rückblende. Am Freitag, 27. September 2002, es ist der letzte Tage vor den Herbstferien, passt der Jurastudent Magnus Gäfgen den elfjährigen Jakob von Metzler vor der Schule ab. Er lockt den Jungen in seine Wohnung und erstickt ihn. Zwei Stunden und zehn Minuten später findet der Hausmeister der Familie von Metzler in der Einfahrt des Anwesens einen Erpresserbrief: Jakob befinde sich in der Hand von Entführern, für seine Freilassung wird ein hohes Lösegeld gefordert. Um 14.11 Uhr wird die Polizei in Frankfurt informiert, um 14.15 Uhr veranlasst der stellvertretende Polizeipräsident Wolfgang Daschner die Bildung einer „BAO“ - einer „Besonderen Aufbauorganisation“.

          Drohung mit „unmittelbarem Zwang“

          Von nun an vollzieht sich mit steigender Intensität eine polizeiliche Großaktion, an schließlich mehrere Hundertschaften von Polizeibeamten mitwirken, inklusive Suchhundstaffeln, die das Gebiet um den Langener Waldsee absuchen, um Jakob von Metzler zu finden. Am 1. Oktober, kurz vor Mittag, ist es vorbei. Die Polizei findet die Leiche des Jungen, verborgen unter einem Steg an einem Weiher bei Bierstein. Morgens um 8.40 Uhr hat Gäfgen, den die Polizei am Tag zuvor verhaftet hatte, im Verhör mit dem Hauptkommissar Ortwin Ennigkeit zugegeben, dass der Junge nicht mehr lebte.

          Bis zu diesem Zeitpunkt hofft die Polizei, das Leben des Kindes retten zu können. Der Polizeivizepräsident Daschner ordnet an, dem Verdächtigen nötigenfalls „unmittelbaren Zwang“ anzudrohen, um herauszufinden, wo sich der entführte Junge befinde. Noch am selben Tag legt er einen Aktenvermerk dazu an, den der Verteidiger des Kindsmörders dreieinhalb Monate später in den Akten finden wird.

          Die Last eines Versprechens

          „Der Junge muss am Leben bleiben.“ So lautet die Maxime des Polizisten Daschner, und nach dieser handelt er und gibt er seine Anweisungen. Er werde alles tun, um den Jungen zu retten, und nichts unternehmen, was diesem schaden könne, hat er der Familie von Metzler versprochen. Stunde um Stunde, die der Junge verschwunden ist, vergrößert sich die Last dieses Versprechens. Der Entführer Gäfgen ist schnell gefunden, doch macht er keine Anstalten, sich um sein Opfer zu kümmern. Er sammelt das Lösegeld ein, kauft sich eine Luxuskarosse, bucht für sich und seine Freundin eine teure Reise, geht zum Friseur und ein Eis essen.

          Erst Suchende, dann Angeklagte: der Kommissar Ortwin Ennigkeit (Uwe Bohm) und Polizei-Vizepräsident Daschner (Robert Atzorn)

          Die Fahnder zählen währenddessen die Stunden ab, die dem entführten Jungen bleiben, bis er verdurstet ist. Also erfolgt der Zugriff auf den Täter. Beim Verhör tischt Gäfgen den Beamten eine Lüge nach der anderen auf. Zuerst bestreitet er alles, behauptet, nur ein Geldbote gewesen zu sein, seiner Mutter macht er weis, er werde selbst erpresst; dann erfindet er Mittäter, deren Wohnung das SEK stürmt; Gäfgen gibt vor, der Junge sei noch am Leben, lässt die Polizei an der falschen Stelle nach ihm suchen. So geht es eine ganze Nacht lang - bis zum entscheidenden Verhör, in dem ihm Gewalt angedroht wird.

          So haben wir Robert Atzorn noch nie gesehen

          „Ich lasse nicht zu, dass Gäfgen seinen Mord zu Ende bringt“, fährt der Polizeivizepräsident Daschner seine Beamten an, die Zweifel an dem Vorgehen haben. Doch es ist nicht Wolfgang Daschner, der diesen Satz sagt, es ist der Schauspieler Robert Atzorn, von dem der Regisseur Stephan Wagner sagt, dass wir ihn „so noch nie gesehen haben“. Kein Widerspruch: So haben wir Atzorn in der Tat noch nie gesehen, so intensiv, so tief, so innerlich zerrissen. Es ist seine bislang vielleicht beste Rolle. Er spielt einen Mann, der nicht sonderlich sympathisch wirkt, aber zu allem entschlossen ist, um ein Verbrechen zu verhindern.

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