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TV-Film „Auf der Straße“ : Sie hat nichts mehr außer ihrem Stolz

  • -Aktualisiert am

Ihre Lage scheint aussichtslos: Hanna (Christiane Hörbiger) lebt unter der Brücke. Bild: ARD Degeto/Svenja von Schultzend

Christiane Hörbiger spielt eine alte Dame, die obdachlos wird und fast zu spät um Hilfe bittet. Der ARD-Film „Auf der Straße“ erzählt von Armut im Alter und einer zerrütteten Familie.

          Im Schauspielfach schließen sich Eitelkeit und Charakterdarstellung gegenseitig aus. Christiane Hörbiger hat sich für das Fernsehen schon vor Jahren aufs Charakterfach verlegt. Sie spielt mit Vorliebe Rollen, die sie in Extremsituationen zeigen. In „Wie ein Licht in der Nacht“ ging es um Alkoholismus, in „Stiller Abschied“ um Demenz, in „Bis zum Ende der Welt“ um Fremdenhass. Christiane Hörbiger spielte halsstarrige Charaktere, denen auf Umwegen Toleranz beigebracht wird, oder Personen, die Schlimmes erleiden, aber nicht untergehen. Eine stolzumflorte Größe bleibt jeder Figur. Stets geht es um Würde, um echte und falsche Scham. Auch „Auf der Straße“, ein Obdachlosendrama von Thorsten Näter (Buch) und Florian Baxmeyer (Regie), das die ARD in den Mittelpunkt ihres Themenabends zum Thema Armut stellt, passt in dieses Schema.

          Hanna Berger (Hörbiger), eine ältere, gepflegt auftretende Dame aus dem bürgerlichen Mittelstand mit mädchenhafter Langhaarfrisur und leicht verhuschtem Gebaren, wird von der Realität eingeholt. Nach dem Tod ihres Mannes kommt heraus, dass er hoch verschuldet war. Heimlich hat er ihrer Krankenkasse gekündigt, die Eigentumswohnung in bester Hamburger Wohnlage gehört der Bank, das Mobiliar verschiedenen Schuldnern. Nach der Zwangsversteigerung bleibt der Mittsiebzigerin nur der Gang aufs Amt. Den sie unbedingt vermeiden will.

          Dann kommt die Tochter ins Spiel

          Dramaturgisch interessant ist nur die Abwärtsspirale. Also findet das Drehbuch eine Konstellation, die Hanna in eine emotionale Zwangslage bringt, die es ihr praktisch unmöglich macht, Hilfe zu suchen. Zu ihrer Tochter Elke (Margarita Broich), die mit ihrem Lebensgefährten Lars (Dirk Borchardt) ein gutgehendes Restaurant betreibt, hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Elke hat ihrer Tochter Paula (Amber Bongard) verschwiegen, dass ihre Eltern noch leben. Auf der Beerdigung des Vaters kreuzen sich die Wege der Frauen kurz. Sie wechseln kein Wort. So kann das Drehbuch, kann die Kamera von Wedigo von Schultzendorff Hanna einsam unter die Brücke schicken, nachdem sie in der Notunterkunft Zeugin einer Schlägerei unter Betrunkenen geworden ist. Vor der nächtlich beleuchteten Kulisse des wohlhabenderen Hamburgs zeigt sich der soziale Abstieg Hannas umso deutlicher.

          Daseinskampf: Für Hanna Berger (Christiane Hörbiger) geht es um mehr als ein paar Pfandflaschen.

          Treibende Kraft ist Hannas Stolz, vielleicht aber auch ihre innere Widerstandskraft. Bei Freunden will sie nicht bleiben. Arbeit findet sie nicht. Bald prügelt sie sich um Pfandflaschen. In dem Moment, in dem Christiane Hörbiger ihre nun obdachlose Hanna ungeschminkt, betrunken torkeln und wie irre schimpfen lässt, hat die Inszenierung ihre Tochter Elke aber längst ins Spiel gebracht. Die Degeto-Produktion, wie üblich an die vermeintlichen Zuschauererwartungen angepasst, beabsichtigt keine Wiederkehr von Gorkis „Nachtasyl“. Selbst die Drastik ist bloß vorläufig. Die Gemeinschaft der Obdachlosen unter der Hochbahn wird zusammengehalten von Mecki (Nadine Boske), die ein zwar rauhes, aber fürsorgliches Regiment führt. Hannas Freundin Gabriele (Gundi Ellert) hat Elke auf die Spur der Mutter gesetzt. Man kümmert sich umeinander.

          Schließlich verwandelt sich „Auf der Straße“ endgültig vom Sozialstück in ein Familiendrama. Hanna und Elke müssen erst die alten Verletzungen in der großen Aussprache heilen, bevor die alte Frau sich von ihrer Tochter helfen lassen kann. Gut gespielt und psychologisch durchaus nachvollziehbar, nimmt der Film Altersarmut und Obdachlosigkeit durchaus ernst. Aber die obligate Mutter-Tochter-Geschichte nimmt ihnen gleichsam den Schrecken.

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