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Doku „Killer von Long Island“ : Sie fliehen vor Kriminalität und entkommen ihr nicht

  • -Aktualisiert am

Trump-Unterstützer demonstrieren gegen die Gang MS-13. Bild: Reuters

Die Doku „Die Killer von Long Island“ handelt von der Jugendgang „MS 13“. Sie ist ein Ableger der brutalen Mafia „Mara Salvatrucha“. Für Donald Trump ist sie ein Instrument, gegen Einwanderer Stimmung zu machen.

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          Long Island, die langgestreckte Insel bei New York, steht als Synonym für die luxuriöse Ostküste. Dort, in den Hamptons, liegen die Megavillen der Superreichen. Der Weg von Manhattan an die Küste allerdings führt an dichtbesiedelten, vor allem von lateinamerikanischen Einwanderern bewohnten Gegenden vorbei. Viele sind illegal eingereist und leben unter dem Radar der Behörden. Allein zwischen 2014 und 2016 kamen hier fast zehntausend unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an, fast alle aus Ländern wie El Salvador und Ecuador.

          Die meisten fliehen vor der Bandenkriminalität und kriminellen Zwangsrekrutierungen – und treffen auf Long Island auf brutale Jugendgangs wie „MS-13“ und ihre Untergruppen, auf deren Konto allein in den vergangenen Jahren 25 mit außerordentlicher Brutalität verübte Morde gehen sollen. Die Polizei von Nassau und Suffolk County hat ihnen „den Krieg erklärt“, nachdem am 13. September 2016 zwei grausam zugerichtete Mädchenleichen entdeckt wurden. Die Morde an Nisa Mickens und Kayla Cuevas, die mit Bandenmitgliedern befreundet waren, setzten eine Kettenreaktion in Gang, wie Liz Robbins, Reporterin der „New York Times“, in der Reportage „Die Killer von Long Island“, berichtet. Die Polizei, sagt nicht nur sie, sondern berichten Bürgerrechtler und Einwanderungsanwälte, habe „überreagiert“ und mit „racial profiling“, mit Razzien an Highschools und Schulpolizisten alle jugendlichen Einwanderer unter Generalverdacht gestellt und Unschuldige für Monate ohne Anhörung in Isolationshaft gebracht.

          Es ist der Geist Trumps, der hier weht. Mit der Rede des Präsidenten vor dem Kongress, in der er „MS-13“ und das Problem der illegalen Einwanderung gleichsetzte, beginnt der Film „Die Killer von Long Island“, im Untertitel „Einwanderer unter Generalverdacht“. Die „schwache“ Regierung Obama, so Trumps Rhetorik, habe die Banden Mittelamerikas sehenden Auges importiert. Nun aber werde man zurückschlagen. Der lokale Polizeichef posiert mit schwerbewaffneter Mannschaft vor einem Hubschrauber. „Wir gegen die“ – betont Timothy D. Sini, Suffolk County Polizeichef von 2015 bis 2017, hieß es schon vor Trump. Inzwischen hat die Zahl der Kapitalverbrechen tatsächlich abgenommen. Das Problem der Bekämpfung von „MS-13“, die Abkürzung steht für Mara Salvatrucha, habe erst Trump instrumentalisiert, so sehen es die Demonstranten vor dem Polizeigebäude. Beim Besuch des Präsidenten in Suffolk County fordert er die Polizisten auf, „nicht zimperlich“ mit Verhafteten umzugehen. Die Bilder gehen um die Welt, werden aber in dieser für das amerikanische öffentlich-rechtliche Fernsehen, den Sender PBS, von seinem größten Zulieferer, der „WGBH Educational Foundation“, produzierten Reportage in einen recherchierten Zusammenhang eingebettet.

          Keine „True Crime“-Geschichte wird hier erzählt, obwohl zu Beginn die Gewalt der Jugendgangs mit ihrem bevorzugten Mordinstrument, der Machete, mit drastischem Archivmaterial nachgezeichnet wird. Zentral sind vielmehr die Erlebnisse zweier Jugendlicher, einer aus Identitätsschutzgründen „Junior“ genannt, ein anderer mit Namen Jesus Lopez, die wie zahlreiche andere aufgrund fragwürdiger Anschuldigungen und Polizeimemos monatelang eingesperrt wurden. Viele wurden ohne ordentliches Verfahren abgeschoben. Es geht um von höchster Stelle legitimiertes Unrecht bei der „Operation Matador“, einer mit Unterstützung des Heimatschutzministeriums angelegten Schulrazzia. Justizminister Jeff Sessions wurde als Interviewpartner angefragt, es äußert sich sein Stellvertreter Rod Rosenstein. Er empfindet Kritik an den Maßnahmen als „unfair“.

          Der frühere Polizeichef Timothy D. Sini mag aus ermittlungstaktischen Gründen auch im Nachhinein der Filmemacherin Marcela Gaviria nicht offenlegen, nach welchen Kriterien die Beamten Verdächtigte beurteilen. In Memos finden sich T-Shirts mit Logos der „Chicago Bulls“ (der Stier als Gruppenkennzeichen), Bandanas oder bestimmte Kleidungsfarben. Julia Harumi Mass, Anwältin der „American Civil Liberties Union“, reicht schließlich eine Sammelklage für die Minderjährigen ein, um Anhörungen zu erzwingen. Ein Bundesrichter in Nordkalifornien, wo viele der Inhaftierten in Hochsicherheitstrakts verbracht wurden, entscheidet gegen die Regierung. Einen Monat später sind die meisten frei. Mit der Großfahndung „Raging Bull“ wird die „Operation Matador“ beerbt. Am 31. Januar 2018 kündigt der Präsident in seiner Rede zur Lage der Nation härtere Maßnahmen gegen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an.

          Die Killer von Long Island, heute, Donnerstag 2. August, um 20.15 Uhr bei ZDFinfo.

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