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TV-Doku über Tokioter Prozesse : Welche Rolle spielte der Kaiser?

Hideki Tojo war während des Zweiten Weltkriegs Ministerpräsident Japans und wurde durch die Tokioter Prozesse zum Tode verurteilt. Bild: NARA

Der Film „Death by Hanging“ stellt die Frage, wie viel Mitschuld Kaiser Hirohito an den japanischen Kriegsverbrechen hatte. Die Bilder schockieren, liefern jedoch keine Erklärung.

          2 Min.

          Es ist wohl die bekannteste, unfreiwillig aber auch die entlarvendste Szene, die sich vor dem Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten bei den berühmten Tokioter Prozessen, die seit dem 3. Mai 1946 stattfanden, abgespielt hat: Der fanatisch-nationalistische Schriftsteller Shumei Okawa, der als einziger Zivilist auf der Anklagebank sitzt, beginnt in Tränen auszubrechen. Während die 55 Anklagepunkte verlesen werden, klammert er sich an die Hand eines amerikanischen Soldaten. Dann will er sich ausziehen. Zu guter Letzt gibt er demjenigen, der in diesem Kriegsverbrecherprozess als größter Sündenbock herhalten soll, einen Klaps auf den kahlen Hinterkopf: Hideki Tojo, dem General der Kaiserlich Japanischen Armee, der während des Zweiten Weltkriegs zudem Ministerpräsident Japans war.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch die Dokumentation „Death by Hanging“ – so lautete nach zwei Jahren, sechs Monaten und neun Tagen das Urteil für insgesamt sieben der 28 Angeklagten – setzt früher an. Der Regisseur Tim B. Toidze macht seinen Standpunkt von Beginn an mit unerbittlicher Härte und in schonungslosen Bildern klar: Für ihn ist die Verhandlung eine „Farce“. Zunächst wird die Opferstatistik der japanischen Feldzüge in einer Animation zu geschlagenen Taiko-Trommeln präsentiert: 2714000 Opfer auf japanischer Seite (Soldaten und Zivilisten) werden gegen die Millionen Opfer aufgerechnet, die der Krieg den anderen asiatischen Ländern abverlangt hat. Darunter laut Dokumentation 25971000 allein in China.

          Diese Archivaufnahmen verlangen dem Zuschauer einiges ab

          Das wird der Sache trotz aller Dramatik nicht gerecht. Zumal die Opferzahlen nach offiziellen Schätzungen um etwa zehn Millionen geringer ausfallen. Was immer noch fünfzehn Millionen Opfer zu viel übrig lässt. Es hat jedoch etwas Zynisches, das Augenmerk so prominent auf die nackten Zahlen zu lenken. Nach diesem Auftakt geht es zwar sachlicher, aber dennoch sehr explizit weiter. Als wollte Toidze der Geschichtsvergessenheit, die auch bei heutigen Entscheidungsträgern der japanischen Regierung wieder sehr en vogue ist, mit aller Gewalt etwas entgegensetzen, zeigt er auch solche Archivaufnahmen, die dem Zuschauer einiges abverlangen. Klarer wird dadurch nichts.

          Stark ist der Film in den Aufnahmen, die aus dem Gerichtssaal stammen. Da fragt der Chefankläger Joseph Keenan General Tojo: „War es Kaiser Hirohitos Wille, diesen Krieg anzufangen?“ Schon zuvor hatte Tojo erklärt, in Japan habe man nichts ohne den ausdrücklichen Befehl des Kaisers unternommen. Doch die Amerikaner versuchten den Kaiser, den sie brauchten, damit das Land künftig ein treuer Bündnispartner würde, aus allem herauszuhalten. Es sollte ihnen gelingen. Auch Shumei Okawa, dessen Anklage aufgrund seines Nervenzusammenbruchs fallengelassen worden war, erholte sich später rasch auf wundersame Weise.

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