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TV-Doku „Das Versprechen“ : Von den Folgen einer wahnhaften Liebe

  • -Aktualisiert am

Jens Söring verbüßt seit über dreißig Jahren eine lebenslange Haftstrafe im US-Bundesstaat Virginia. Bis heute beteuert er seine Unschuld. Bild: SWR/Filmperspektive GmbH

Der Dokumentarfilm „Das Versprechen“ rollt den Fall des in Amerika wegen Mordes verurteilten Jens Söring auf. Er bekam lebenslänglich und sitzt vielleicht unschuldig in Haft. Wie kam es dazu?

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          Eine Autofahrt über Highways und Landstraßen in wackeligen, warmen Retro-Bildern, Zeitungsausschnitte, Briefe, in denen die Wörter „dearest“ (geliebter) und „love“ ins Auge stechen. Dazu „I put a spell on you“ von Witness INC, Hammond-Orgel-Klänge wie von einer alten Kassette. Schließlich Tatortfotos: zwei Leichen in einem Haus, alles ist voller Blut.

          Was aussieht wie der Vorspann eines Psychothrillers, ist Realität. Die Toten sind Derek und Nancy Haysom, ermordet am 30.März 1985. Für die Tat verurteilt wurde Jens Söring, Sohn eines deutschen Diplomaten, zum Tatzeitpunkt keine neunzehn Jahre alt. Sein Urteil: zweimal lebenslänglich. Seit mehr als dreißig Jahren befindet er sich in Haft. Und beteuert bis heute seine Unschuld. In der Dokumentation „Das Versprechen“, die 2016 in den Kinos lief und heute im Ersten gezeigt wird, zeichnen Marcus Vetter und Karin Steinberger die Ermittlungsgeschichte und den Prozesshergang nach – und decken gravierende Verfahrensfehler auf, die Zweifel daran nähren, dass Jens Söring für den Doppelmord verantwortlich sein soll.

          Jens Söring, 1966 in Thailand geboren und deutscher Staatsangehöriger, beginnt 1984 ein Studium an der Universität von Virginia in Charlottesville, für das er ein Hochbegabtenstipendium erhalten hat. Dort verliebt er sich in die zwei Jahre ältere Elizabeth Haysom, eine charismatische, kühle Schönheit, die den jungen Männern und auch so manchen Frauen an der Universität den Kopf verdreht. Der blasse Jens ist nicht unbedingt ein Frauenheld, und so kann er sein Glück kaum fassen, dass Elizabeth ausgerechnet ihn erwählt. Zwischen beiden entspinnt sich eine Beziehung, die Züge einer Obsession trägt; die Briefe, die sie sich schreiben, sind voller liebestrunkener Beteuerungen und erotischer Phantasien. Schließlich erzählt Elizabeth Jens vom Hass auf ihre Eltern, von sexuellem Missbrauch. Dass sie sich deren Tod wünscht, sich in Vorstellungen von Mord und Voodoozauber verliert.

          Ein halbes Jahr währt ihre folie à deux, dann sind Elizabeths Eltern tot. Jemand hat ihnen in ihrem eigenen Haus in Lynchburg die Kehlen durchgeschnitten. Als der Verdacht auf Jens und Elizabeth fällt, setzen sie sich ab. Im April 1986 werden sie unter falschen Namen in London wegen Scheckbetrugs verhaftet und bald als das gesuchte Paar aus Virginia erkannt. Söring nimmt zunächst die Schuld auf sich, um Elizabeth, die er für die Mörderin hält, vor der Todesstrafe zu schützen: „Ich dachte, ich sei ein Held.“ Elizabeth Haysom wird an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und nach einem Geständnis wegen Anstiftung zum Mord zu neunzig Jahren Haft verurteilt. Söring wird ebenfalls ausgeliefert, unter der Bedingung, dass ihm nicht die Todesstrafe droht. Am 4. September 1990 wird er zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt. „Ich bin unschuldig“, sagt er vor dem Urteil.

          Die Prozesse zum Haysom-Doppelmord wurden als erste landesweit in den Vereinigten Staaten übertragen. Die Macher der Dokumentation verwenden etliche Originalaufnahmen und kombinieren sie mit neuen Szenen, insbesondere Interviews mit Jens Söring selbst, mit Zeitzeugen und Journalisten sowie Ermittlern, Anwälten und Staatsanwälten, die an dem Fall beteiligt waren. Sie zeigen Dokumente, Tagebücher und eben auch die Liebesbriefe, vorgelesen von Imogen Poots und Daniel Brühl, aus denen hervorgeht, wie gefährlich diese Liebe war. Der Film lässt mehr als nur den Verdacht aufkommen, dass der Falsche verurteilt wurde. Marcus Vetter und Karin Steinberger begleiten den Privatdetektiv Dave Watson und Sörings Anwältin Gail Ball auf Spurensuche und fördern Ermittlungs- und Verfahrensfehler zutage.

          So wurden am Tatort Fingerabdrücke gefunden, die bis heute nicht identifiziert sind, Spuren von Söring fand man nicht, nur ein Sockenabdruck wurde ihm zugeordnet. Das von einem FBI-Profiler erstellte Täterprofil, das eine den Opfern nahestehende Frau als Täterin vermutete, verschwand im Archiv, genauso wie Nacktfotos von Elizabeth Haysom, die von den Ermittlern im Haus der Haysoms gefunden wurden. Der Richter war mit den Opfern privat befreundet. Verdächtige und Zeugen, die Söring hätten entlasten können, wurden nie vorgeladen. Immer deutlicher tritt heraus, dass der Fremde, der während der Verhandlung fast überheblich wirkte, keinen fairen Prozess bekam.

          Dieser Film hallt lange nach. Er bezeugt eine wahnhafte Liebe, die den neunzehnjährigen Jens Söring seine Zukunft kostete, gleich, ob er – wie Elizabeth, die sich mit Shakespeares Lady Macbeth verglich, vor Gericht behauptete – die Morde aus Liebe begangen hat oder die Strafe für sie verbüßt. Gut möglich, dass die Wahrheit niemals gefunden wird.

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