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TV-Doku über Islamisten : Terrorfahndung voller Pannen

  • -Aktualisiert am

Jaber Albakr wurde verhaftet, bevor er einen Terroranschlag begehen konnte. Er erhängte sich in der Haft. Bild: Reuters

Eine Doku arbeitet den Fall des verhinderten Terroranschlags durch Jaber Albakr auf. Leider belassen es die Autoren des Films „Der unbekannte Terrorist“ nicht bei Recherchen. Sie geraten ins Spekulieren.

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          Gleich zweimal hatte Deutschland im Oktober 2016 großes Glück. Der aus Syrien stammende Jaber Albakr, ein anerkannter Flüchtling, hatte offenbar einen Terroranschlag im Namen des „Islamischen Staates“ geplant. Der Sprengstoff war bereits hergestellt, das mutmaßliche Anschlagsziel, der Flughafen Tegel, ausgekundschaftet. Weil Albakr die chemischen Zutaten schlicht bei Amazon bestellt hatte, waren ihm die Ermittlungsbehörden – erster Glücksfall – auf die Spur gekommen. Die Polizei sicherte die Chemnitzer Wohnung mitsamt Sprengstoff. Der per Fahndungsaufruf gesuchte Terrorist selbst wurde – zweiter Glücksfall – von anderen syrischen Flüchtlingen, bei denen er sich unter falschem Namen verstecken wollte, erkannt und überwältigt.

          Was nach einer Erfolgsgeschichte für Behörden und Zivilgesellschaft klingt, steht aber zugleich für eklatante Behördenversäumnisse. Insbesondere die Selbsttötung des Verdächtigen in einer Leipziger Haftzelle wenige Tage später wirft Fragen auf. In einem konzisen Film haben Jan Schmitt, Arndt Ginzel und Tarek Khello den Fall und seine Vorgeschichte rekonstruiert. Zwar besitzen sie keine neuen Erkenntnisse, bilden aber zuverlässig den Kenntnisstand ab. Neben Archivmaterial und einigen nachgestellten Szenen prägen vor allem Gespräche mit Angehörigen, Kriminalisten, hochrangigen Behördenmitarbeitern und Augenzeugen den so weit gelungenen Film.

          Und doch gibt es ein Problem, nämlich den durchweg raunenden, mitunter reißerischen Tonfall. Auch vollmundige Formulierungen wie „Deutschlands wichtigster Zeuge“ und „Versagen des Staates“ wirken überzogen. Das alles ist wohl dem Format „Story“ geschuldet. Um den Eindruck von brandheißem Investigativjournalismus zu erwecken, wird gar suggeriert, man sei einer staatlichen Verschwörung auf der Spur. Das ist fast schon unverantwortlich in Zeiten mitunter enthemmten „System“-Misstrauens.

          Für eine solche Theorie wären zumindest handfestere Hinweise nötig als die ins Blaue phantasierte Frage eines Kriminologen, „ob da nicht gegebenenfalls tatsächlich auch mehr dahintersteckte“ als „reine Schlamperei“. Schließlich hat eine Expertenkommission unter dem Vorsitz von Herbert Landau – im Film ist er mit wenigen unverfänglichen Sätzen präsent – ebendiesen Vorwurf untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die durchaus erheblichen Fehler bei der Polizei und im Vollzug nicht wider besseres Wissen geschehen seien, sondern aus Überforderung.

          Am Anfang des Films steht – zu Recht – die Radikalisierung Albakrs. Man muss es nicht unbedingt glauben, wenn seine Eltern behaupten, er sei in Syrien ein erklärter Gegner des IS gewesen und ebendeshalb im Jahre 2015 geflohen. Aber tatsächlich ist sein Facebook-Profil noch bis Ende 2015 weitgehend religionsfrei. Auch die Auskünfte eines Sozialarbeiters sowie ehemaliger Mitbewohner deuten darauf hin, dass der sensible junge Mann den abrupten Kulturwechsel nicht verkraftete und depressiv wurde – leichte Beute für Islamisten. Ein mit viel Aufwand gefundener Kontaktmann in Syrien bestätigt dann nur, was längst klar ist und Generalbundesanwalt Peter Frank im Film noch einmal herausstellt: dass Jaber Albakr im Jahre 2016 Kontakt zum IS in Syrien hatte.

          Dass ebendieser Generalbundesanwalt die Ermittlungen nicht früher an sich gezogen hat, gilt der Expertenkommission wie den Filmemachern als großer Fehler. So blieb das der Lage nicht gewachsene Landeskriminalamt in Sachsen zuständig, und es kam zu der clownesken Situation, dass der Gesuchte aus seiner massiv umstellten Wohnung entkommen konnte, weil den Polizisten in ihrer schweren Ausrüstung die Verfolgung nicht möglich schien. Den Job der Polizei erledigten dann die genannten Flüchtlinge.

          Die Vollzugsbeamten der JVA Leipzig stehen noch schlechter da: Sie sperrten den als suizidgefährdet geltenden Mann in die einzige Zelle mit Zwischengitter und ordneten selbst nach einer heruntergerissenen Lampe (mit Kabeln auf Kopfhöhe), einer manipulierten Steckdose und Schnittwunden am Handgelenk keine Dauerüberwachung an, so dass sich Albakr am 12. Oktober 2016 schließlich an seinem in Streifen gerissenen T-Shirt am Zwischengitter erhängen konnte. Das wäre wohl Anlass genug für eine reflektierte „Story“ über den Zustand unserer Kriminal- und Justizbehörden, statt mit boulevard-spekulativem Impetus aus dem Tod eines mutmaßlichen – warum eigentlich „unbekannten“? – Terroristen ein dunkles Geheimnis zu machen.

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