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TV-Doku über Boko-Haram-Terror : Frauen als Beute

  • -Aktualisiert am

Aus der Gewalt der Terrororganisation Boko Haram wurden die sogenannten „Chibok-Mädchen“ befreit, doch frei sind sie nicht. Bild: dpa

Die Islamistenmiliz Boko Haram entführt gezielt junge Frauen und Kinder. Einige der sogenannten „Chibok-Mädchen“ entgingen der Zwangsverheiratung und kamen frei. Wie es ihnen ergeht, zeigt ein aufwühlender Film bei Arte.

          Am 14. April 2014 entführen Mitglieder der islamistischen Terrororganisation Boko Haram 276 Schülerinnen eines Gymnasiums aus ihrer Schule im Dorf Chibok im Norden Nigerias. Die Mädchen, zwischen 16 und 18 Jahren alt, stehen kurz vor ihrer Abschlussprüfung. 57 von ihnen können bei dem Überfall fliehen, die anderen werden im Sambisa-Wald, einem weithin bekannten Rückzugsort der Terrormiliz, gefangen gehalten. In Propagandavideos der Terroristen werden sie vorgeführt; verschleiert, in der Gruppe am Boden kauernd, mit schreckgeweiteten Augen. Trotz Demonstrationen unternimmt die Regierung wenig zu ihrer Befreiung, so sehen es Frauenrechtlerinnen und NGOs. Bis Michelle Obamas Kampagne „#BringBackOurGirls“ in den sozialen Medien prominente Unterstützung findet. Die Regierung verhandelt mit Boko Haram, ein Jahr später werden schließlich 103 der versklavten Schülerinnen freigelassen.

          Dass nach wie vor im Norden Nigerias jedes Jahr Hunderte Mädchen verschleppt, mit „Kriegern“ zwangsverheiratet und immer wieder zu Selbstmordattentaten gezwungen werden, steht auf einem anderen, weniger prominenten Blatt. Es wird vermutet, dass sich nach wie vor Tausende Frauen in der Gewalt von Boko Haram (wörtliche Übersetzung: „Westliche Bildung ist eine Sünde“) befinden. Die Unterjochung und Vergewaltigung von Mädchen ist, genau wie die Abrichtung von Kindern als Terrorsoldaten, Teil der Bürgerkriegsstrategie der Islamisten. Seit 2009 forderte der Krieg mehr als 28 000 Tote. Drei Millionen Menschen sind auf der Flucht.

          Die freigelassenen „Chibok-Mädchen“ hat man inzwischen zu einer Art PR-Faustpfand der nigerianischen Regierung gemacht. Zu Demonstrationsobjekten, die die Fürsorge und Wohltaten aus den Ministerien und von privaten Gönnern deutlich machen sollen. Wenn Freiheit, wie es Margret, eine der Freigelassenen sagt, bedeutet, „immer das tun können, was man tun möchte“, dann sind die „Chibok-Mädchen“ nun so etwas wie Geiseln der guten Absichten.

          Für die Dokumentation „Boko Haram: Das Trauma der Chibok-Mädchen“ durfte die Filmemacherin Gemma Atwal mit einigen der jungen Frauen sprechen und sie beim Schulunterricht, beim organisierten Ausflug in den Vergnügungspark „Magic Land“ und zur Informationsveranstaltung der privaten amerikanischen Universität in Nigeria begleiten. Fragen nach den Erlebnissen im Sambisa-Wald waren tabu. Aus verhandlungstaktischen Gründen, bedeutet man dem Team. Trotz des Reglements gelingen Atwal vielsagende Einblicke. Die „Chibok-Mädchen“ leben gemeinsam abgeschottet und streng bewacht in einem modernen Internatsneubau in der Hauptstadt Abuja. Die Rückkehr zu ihren überlebenden Familienmitgliedern in Chibok wurde ihnen nicht gestattet. Frauenministerin Aisha Al-Hassan, die im Film die offiziellen Anstrengungen in leuchtenden Farben herausstellt („eine vertraute Umgebung, wie zu Hause“) erklärt dies mit Sicherheitsbedenken und der Meinung psychologischer Fachleute, nur zusammen sei ein Heilungsprozess möglich. Als Gruppe beziehen sie später die ausgewählte Universität. Zum Abschied bekommt jede ein Smartphone und ein Tablet, gesponsert aus dem Ministerium. Lachen und Freude allerorten. Nur eine junge Frau weint, als sie von ihrem Bruder erfährt, dass ihre Mutter inzwischen gestorben ist. Selbst ein einmaliger Besuch bei den Familien wird streng überwacht.

          Aus Opfern sind im buchstäblichen Sinn Vorzeigesymbole geworden, Demonstrationsobjekte der nigerianischen Regierungspropaganda. Atwals erklärte Absicht, den ehemals Entführten eine Stimme zu geben und sie in ihren eigenen Worten von ihrem Martyrium erzählen zu lassen, gelingt an anderer Stelle besser. In Maiduguri, einer Stadt im Nordosten mit angespannter Sicherheitslage, leben viele der Boko Haram entkommenen Frauen. Man nennt sie die „vergessenen Mädchen“. Sie sind unerwünscht, weil man in ihnen Terroristinnen vermutet. Viele überleben nur unter prekärsten Umständen. Habiba, 18 Jahre alt, berichtet, wie sie als Fünfzehnjährige entführt und vor ihrer Zwangsverheiratung monatelang in einem Käfig gefangen gehalten wurde. Ihr anderthalbjähriger Sohn ist HIV-positiv, wie sie selbst. Nach seinem Tod kümmert sie sich um den zwölfjährigen Ahmed und den neunjährigen Umar, geflohene Kinderkämpfer. Umar sucht in seinem Gedächtnis lange nach dem Namen seiner Mutter. Ihm blieb das zweifelhafte Privileg der Opfer-Prominenz versagt.

          Die „Chibok-Mädchen“, wenigstens diejenigen auf der Universität, scheinen zumindest in körperlicher Sicherheit zu sein. Atwals Film zeigt trotz der auferlegten Beschränkungen die Dimensionen und Auswirkungen dieser Art der Bürgerkriegsführung auf die nigerianische Gesellschaft. Er mag nicht ganz so erhellend gebaut sein wie die Filme Heidi Specognas, die sich am Beispiel der Zentralafrikanischen Republik seit Jahren mit ähnlichen Kriegsverbrechen befasst („Cahier Africain“), aber er fügt der Problematik seine Facetten hinzu.

          Boko Haram: Das Trauma der Chibok-Mädchen, läuft heute, Dienstag 20. November, um 20.15 Uhr, auf Arte.

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