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TV-Doku aus Nordkorea : Die Tränen der Revolution

  • -Aktualisiert am

Das Mädchen Sin Mi soll vorspielen, wie schön das Leben in Nordkorea ist. Alles wird blitzblank geputzt und fürs Bild drapiert. Was nicht stimmt, sieht man trotzdem. Bild: MDR/Saxonia Entertainment GmbH

Er sollte nach einem Drehbuch des Regimes arbeiten, doch das tat er nicht: Vitalij Manskijs Dokumentarfilm über das gute, schöne, nicht ganz so wahre Leben in Nordkorea ist eine kleine Sensation.

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          Bei seiner hemdsärmeligen Forderung nach einem Blasphemieverbot in Deutschland hat der Schriftsteller Martin Mosebach vor vier Jahren angemerkt, dass die Zensur „der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen“ sei. Ingo Schulze, der die diesbezüglichen Verrenkungen in der DDR noch hautnah miterlebt hat, antwortete mit einer bitteren Satire, aber es bleibt ein verführerischer Gedanke, die Zensoren einmal als Mitschöpfer von Kunstwerken anzusehen, und sei es nur, weil ihre Arbeit dazu anstachelt, subtiler zu werden, doppeldeutiger, trickreicher.

          Heute ist das interessanteste Land in Sachen Zensur sicherlich Nordkorea, nicht der lückenlosen Überwachung wegen, sondern weil zugleich mit einer frappierenden Inbrunst an der restlos widerlegten Legende vom Segen des Sozialismus totalitaristischen Zuschnitts festgehalten wird. Genau dies sollte auch in einem Dokumentarfilm über das Leben eines Mädchens in Pjöngjang zum Ausdruck kommen, für den man dem Filmemacher Vitalij Manskij - der Mitteldeutsche Rundfunk gehört zu den Koproduzenten - ausnahmsweise eine Drehgenehmigung erteilte. Trotz der nicht ganz unbedeutenden Vorgaben, ein reines Propaganda-Drehbuch der nordkoreanischen Behörden zu akzeptieren, die tägliche Begutachtung des gefilmten Materials zu ermöglichen sowie mit der Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch amtliche Aufpasser einverstanden zu sein, ist dem tschechisch-deutschen Filmteam ein kleines Bravourstück gelungen, das tatsächlich einen Blick ins Innenleben dieses sonst hinter brutalistischen Betonkomplexen, Massenchoreographien und Militärparaden versteckten Landes erlaubt.

          Fenster nimmt man aus der Wand

          Schon der Kamerablick ist ein melancholischer, erinnert an Postkartenimpressionen aus den fünfziger Jahren, ohne das Ärmliche zu verschweigen. Fenster öffnet man, indem man sie aus der Wand herausnimmt; auf den Straßen sind kaum Autos zu sehen. Die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, dem Westen so leicht ein geschöntes Bild des Lebens in Nordkorea unterzujubeln, muss der Zensurbehörde klar gewesen sein. Schließlich behält der Sprecher (in der deutschen Version Denis Kliewer) das letzte Wort, kommentiert, was auf der Bildebene geschieht. So erfahren wir, wie sehr sich das dem staunenden Filmteam Präsentierte vom Vorgespräch unterscheidet. Die Protagonisten haben plötzlich ganz neue Berufe in den Vorzeigebetrieben des Landes. Mit ihrer achtjährigen Tochter Sin Mi bewohnen sie neuerdings eine großzügige Wohnung in bester Lage. Auch dass hier plötzlich ein Schulbus vorfährt, wo ganz offensichtlich gar keine Haltestelle ist, lässt uns der Sprecher wissen. Und Sin Mis Schule ist zufällig die modernste des Landes.

          Die Aufnahmen im Kreis der Familie werden stundenlang geprobt.

          Manskij setzt zunächst auf die volle Nordkorea-Dröhnung, zeigt frühmorgendliche Massengymnastik, einen Minibus mit Hochtöner, aus dem Parolen quäken, und blickt gebannt auf den erschreckenden Schulunterricht. Den „Genossen Schülern“ wird eingebimst, dass es „die Amis, ihre Marionetten, die Japsen und andere Feinde zu hassen“ gelte, denn diese wollten ihre sozialistische Heimat vernichten. Doch mit der Hilfe des „Geehrten Marschall Kim Jong-un“ werde man siegen. Dann erst rückt Manskij mit dem wahren Schatz heraus, denn er hat konsequent den Vorlauf zu den einzelnen Aufnahmen mitgefilmt und dieses Material an den Kontrolleuren vorbeigeschmuggelt. So sehen wir also nicht nur das Inszenierte, sondern die Inszenierung selbst. Zwei Herren geben detailliert Stimmungen und Emotionen vor, arbeiten mit ihren Schauspielern wie Regisseur und Aufnahmeleiter.

          Und dabei geschieht etwas Sonderbares: Der Film wird sehr viel menschlicher. Der Blick auf dieses so unverständliche Black-Box-Land dringt plötzlich durch die Kulisse der lächelnd dargebotenen Gleichförmigkeit hindurch. Wir werden Zeugen des fast schon rührend naiven Versuchs, Perfektion - wenn auch nach sehr eigenem Maßstab - zu simulieren. Die gar nicht einmal unsympathischen Funktionäre kriechen unter Tischen hindurch, verstecken sich in Kulissen, verlangen manche „Takes“ wieder und wieder, weisen einen ausschweifenden Veteranen an, endlich zum Schluss zu kommen, verlangen Fröhlichkeit, Natürlichkeit, Emphase. Dass der frischgebackene Ingenieur - nur im Sozialismus gelingen solche Blitzkarrieren - so gar nicht nach Ingenieur klingt, stört die Binnenregisseure immens. Da ist die neue Sojamilchfabrikantin, Sin Mis Mutter, schon glaubwürdiger, aber auch hier stehen zwischen den offiziellen Szenen - dusselige Lobeshymnen auf die sozialistische Sojamilch - alle Darsteller irritiert und ordnungslos herum. So nah hätte uns kein noch so gut gemachter Imagefilm des Regimes die gezeigten Menschen bringen können.

          Im Schatten der Führer: Versammlung vor den Statuen von Kim Il-sung und Kim Jong-il in Pjöngjang.

          Von Auflehnung gibt es auch in diesen Zwischenszenen keine Spur, den Vorgaben wird ohne Widerrede Folge geleistet. Aber vielleicht war trotz aller unter dem Zwang der Verhältnisse entstandenen Untertanengesinnung doch auch ein wenig Schlitzohrigkeit im Spiel: Die Vorzeigefamilie genoss für eine Weile schließlich ungewöhnliche Vorteile vom übervoll gedeckten Frühstückstisch bis zur Gesangs- und Tanzausbildung der Tochter. Ein einziges Mal ist es dem Team gelungen, Sin Mi unbewacht eine Frage nach ihren Erwartungen an das Leben zu stellen, die sie beantwortet, indem ihr - nach einigen Standardsätzen über den geliebten Führer - Tränen über die Wangen kullern. Dagegen ist jede Armee und jede Propaganda machtlos.

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