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Türkische Medien : Wir sind alle Pinguine

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Religion - ein sensibles Thema

So wird die Regierung zum Opfer eines internationalen Komplotts und alter Machtstrukturen, die nichts mit Religion am Hut haben. Da das Religionsthema so sensibel ist und sich damit leicht die eigenen Reihen schließen lassen, wurden zahlreiche Beispiele für das angeblich anti-religiöse Verhalten der Demonstranten gestreut. Eine kam von dem Kolumnisten Ahmet Tasgetiren am 13.Juni in der konservativen Zeitung „Bugün“: „Am 1. Juni hat die Ehefrau eines Stadtteilbürgermeisters gesehen, wie an einer Anlegestelle eine kopftuchtragende Frau von Demonstranten belästigt wurde.“ Hilal Kaplan, selbst eine kopftuchtragende Journalistin, pflichtete ihm in der „Yeni Safak“ bei: „Kopftuchtragende Frauen wurden häufig mündlich belästigt.“

Diese Vorwürfe wurden bis jetzt nicht bestätigt. Das Gerücht, Demonstranten hätten in einer Moschee Alkohol getrunken, erwies sich nachweislich als falsch. Der Imam und der Muezzin der besagten Moschee dementierten dies. Aber einmal verbreitet, halten sich diese Gerüchte.

Nach der Straßenschlacht: im Istanbuler Stadtteil Osmanbey
Nach der Straßenschlacht: im Istanbuler Stadtteil Osmanbey : Bild: von Siebenthal, Jakob

Am beliebtesten ist mit Abstand die internationale Verschwörung, nur Ausmaße und die beteiligten Länder variieren. Sedat Laciner von der Universität Ankara, ebenfalls Kolumnist bei „Star“, erklärte die Verschwörung als Reaktion auf die türkische Außenpolitik: „Die Türkei hat sich mit scharfen Worten gegen die Vereinten Nationen, Nato, die EU, Deutschland, die Vereinigten Staaten und Israel gewandt. Das war nicht leicht zu schlucken. Der größte Fehler Ankaras war, geglaubt zu haben, dies bliebe unbeantwortet. Anders gesagt - die Türkei zahlt für ihre zu unabhängige Außenpolitik.“

Das Muster solcher Reaktionen ist nicht neu. Über Jahrzehnte haben die kemalistischen Eliten und das Militär ausländische Mächte beschuldigt, sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei einzumischen, Terroristen und Separatisten zu unterstützen und an der Schwächung des Landes zu arbeiten. Einst wurden hauptsächlich griechische, armenische und israelische Geheimdienste beschuldigt. Von diesen hat nur noch Israel ein Bedrohungspotential. Okan Müderrisoglu nannte seine Kolumne in der „Sabah“ am 13. Juni denn auch „Israel und der Taksim-Platz“.

Strafe für “irreführende“ Berichterstattung

Einige Zeitungen haben allerdings von Anfang an kritisch und ausführlich über die Ereignisse berichtet. Beim Fernsehen musste man dafür zu kleineren und nur über Satellit empfangbaren Kanälen wechseln, die häufig Oppositionsparteien gehören. Die Strafe für diese Berichterstattung ließ nicht lange auf sich warten. Am vergangenen Mittwoch entschied der „Hohe Rat für Hörfunk und Fernsehen“ (RTÜK), vier kleine Fernsehkanäle wegen „gewaltverherrlichender und irreführender Berichterstattung“ über die Proteste am Taksim-Platz zu jeweils 11.000 Lira (zirka 4500 Euro) Strafe zu verurteilen.

Das hätte den großen Nachrichtenkanälen nicht passieren können, auch wenn sie nicht zu regierungsnahen Konzernen gehören wie etwa „CNN Türk“, das Teil der Dogan-Gruppe ist, des größten Medienkonzerns der Türkei. Der Dogan-Medienkonzern wurde 2009 in einem Machtkampf mit der Regierung handzahm gemacht, in dem er zu einer Steuernachzahlung von 4,9 Milliarden (nicht Millionen!) Lira verurteilt wurde. Das Damoklesschwert dieser finanziellen Bestrafung wirkt nach.

Als „CNN International“ am ersten Wochenende live vom Taksim-Platz berichtete, sendete „CNN Türk“ eine mittlerweile legendäre Dokumentation über Pinguine, die diese in der Türkei wenig bekannten antarktischen Bewohnern zu einem der vielen Symbole des Protests gemacht haben. Es gab allerdings auch einige Kolumnisten in regierungsnahen Zeitungen, die nicht über Verschwörungen gegen die Türkei schrieben. Ahmed Sahin widmete sich in seiner Kolumne in dem Blatt „Zaman“ inmitten der schweren Proteste der These, dass die Schulferien die beste Zeit seien, um den Koran auswendig zu lernen.

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