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Türkische Fernsehserien : Eine kulturelle Revolution

Meryem Uzerli als Harmesdame in „Muhteşem Yüzyıl“ Bild: Imago, Kanal D

In der Türkei sind die Leute verrückt nach Seifenopern. Auch der Nahe Osten ist schon mit dieser Liebe infiziert. Wie der riesige Erfolg türkischer Fernsehserien die arabische Welt verändert.

          Der Sultan blickt ihr kurz in die Augen, dann blickt er lange in ihr Dekolleté. Und Hürrem (Meryem Uzerli), die rothaarige, wunderschöne ukrainische Haremsdame, die wochenlang darauf gewartet hat, dass Sultan Süleyman (Halit Ergenç) sie endlich ruft, weil sie ihn doch unbedingt zwischen den reich bestickten Kissenlandschaften des Serails verführen will, um danach den Mord an ihren Eltern und die eigene Versklavung grausam zu rächen, wird erst mal ohnmächtig vor Schreck. Fällt einfach um. Dem Sultan direkt in die Arme. Hat die Besinnung verloren, das arme Ding. Vielleicht tut sie aber auch nur so. Denn jetzt findet der Sultan sie natürlich erst recht sehr süß und wird sie wahrscheinlich zu dem machen, was jede Haremsdame sein will: Süleymans Lieblingsfrau. Viel Platz also für Eifersucht, Hass, Liebesschwüre, Leidenschaft und Intrigen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am kommenden Mittwoch um 20 Uhr ist es wieder so weit. Dann halten wieder vor allem Türkinnen den Atem an, wie es weitergeht mit Süleyman und Hürrem in „Muhtesem Yüzyil“ („Das prächtige Jahrhundert“). Wird die frühere Lieblingsfrau des Sultans Hürrem noch dazwischenfunken? Die hat ja immerhin ein Kind von ihm!

          In der Türkei sind die Leute verrückt nach Fernsehserien. Jeden Abend zur besten Sendezeit wird auf irgendeinem Kanal geknutscht, gehasst, gemordet, geliebt, geweint und gemobbt. Und längst schon hat die Türkei auch den Nahen Osten mit dieser Liebe infiziert. Ausgestrahlt in arabischer Synchronfassung, brechen die türkischen Herz-Schmerz-Serien dort alle Rekorde. Eine Studie der Türkischen Wirtschafts- und Sozialstiftung in der Region ergab 2011, dass 74 Prozent der Befragten schon einmal eine türkische Soap geschaut hatten.

          Erdogans Erfolge

          Und auf der Mipcom, der weltgrößten Fernsehmesse in Cannes, dominierten die türkischen Serien in diesem Jahr souverän das Geschäft. Von Billboards und Hauswänden, von denen früher zu Messezeiten vor allem südamerikanische Telenovela-Stars herabgeblickt hatten, schmachteten die Besucher jetzt Schauspieler aus „Muhtesem Yüzyil“, „Ask-i Memnu“ (“Verbotene Liebe“: Frau hat Affäre mit dem Neffen ihres Ehemanns) und „Fatmagül’ün Sucu Ne?“ (“Was ist Fatmagüls Schuld?“: Frau muss ihren Vergewaltiger heiraten, liebt aber natürlich einen anderen) an. Etwa 150 türkische Serien werden derzeit in 73 Länder verkauft, vor allem nach Asien und Nordafrika. Allein „Muhtesem Yüzyil“ läuft in 45 Ländern. Bis zu 125 000 Dollar geben die Käufer pro Episode aus. Schätzungen sprechen von 100 Millionen Dollar, die jährlich aus dem Verkaufsgeschäft auf türkische Bankkonten fließen.

          Nicht nur Produzenten profitieren von dem Boom. Auch der türkische Tourismus, die arabischen Besucherzahlen haben sich vervierfacht, die Leute wollen die Drehorte ihrer Lieblingssoaps sehen. Vor allem aber spielt der Erfolg der Serien der türkischen Außenpolitik in die Hände und ihrem Traum, in der Region eine politische Einheit unter türkischer Führung zu schaffen. Wie einen Held feierte man Erdogan, als er als einer der ersten Staatsführer 2010 in die Länder des arabischen Frühlings reiste. Er wird dort bewundert für seine harsche Rhetorik gegen Israel, verehrt für seinen scharfen Kurs gegen das syrische Regime. Doch schon bevor der türkische Ministerpräsident sich nach Jahren der Annäherung und Freundschaft gegen diese beiden Länder wendete, schlugen die arabischen Herzen für die Türkei. Erobert hatte sie weniger der türkische Regierungsstil, sondern türkische Fernsehserien und deren Stars. Sie bereiteten den Boden, den Erdogan irgendwann nur noch betreten musste. Und so ist es kein Wunder, dass, wie der türkische Soziologe Orhan Tekelioglu kürzlich angemerkt hat, Ankara jeden Serienverkauf mit Siegesjubel quittiert, als feiere man einen soeben erfolgreich beendeten Feldzug.

          Was sich schon bald als eine Art kulturelle Revolution mit ungeahnten Folgen entpuppen sollte, begann 2008, und man muss so weit in die Vergangenheit zurückgehen, um zu begreifen, worin die kulturelle Schlagkraft des Phänomens besteht, das sich seitdem zigmal wiederholte, egal wie die Serien nun alle heißen. Damals, im Jahr 2008, kaufte der in Dubai ansässige Medienkonzern Middle East Broadcasting Center (MBC) die türkische Serie „Gümüs“ (“Silber“). Aus Rücksicht auf arabische Moral entfernte MBC zunächst sämtliche Sexszenen und langen Zungenküsse aus den hundert Folgen, ließ dann die Dialoge ins Arabische synchronisieren und verpasste den beiden Hauptdarstellern zuletzt noch ordentliche arabische Vornamen: Aus Mehmed wurde Muhannad, aus Gümüs machte man Noor, und da im türkischen Original die Serie den Namen der weiblichen Hauptdarstellerin trägt und man in Dubai keinen Grund sah, an diesem Prinzip etwas zu ändern, hieß die Serie von nun an „Noor“ (“Licht“).

          „Noor“-Mania in Gaza

          Eine wahre „Noor“-Mania begann, mit der zuletzt die türkischen Produzenten gerechnet hatten - Türken sind bei Arabern aufgrund gemeinsamer historischer Erfahrungen nicht besonders beliebt, in arabischen Schulbüchern wird die Zeit des Osmanischen Reiches noch immer als Zeit der Unterdrückung und Ausbeutung verdammt. Dennoch schauten bald täglich zwischen drei bis vier Millionen Araber via Satellit „Noor“. Von ausgestorbenen Straßen zur Sendezeit in Hebron und Gaza berichtete die arabische Presse und von kreischenden weiblichen Mobs bei Besuchen der Serienstars in Dubai und Jordanien. Neugeborene wurden jetzt nicht mehr Gaddafi oder Arafat genannt, sondern immer öfter auch Muhannad.

          Der Plot ist schnell erzählt: Die hübsche Noor (Songül Öden) und Muhannad (Kivanç Tatlitug), Firmenerbe und äußerst gut aussehend, heiraten. Nicht etwa, weil sie ineinander verliebt wären, sondern weil ihre Eltern das so wollen. Sie verlieben sich trotzdem ineinander, haben aber diverse Erschütterungen zu durchstehen - beruflich (vor allem Noor als Modedesignerin in der fiesen Modewelt) als auch privat (Muhannad lässt sich von seiner Ex verführen). Es gibt die üblichen seltsamen Verwicklungen und Wendungen; Tote, deren Ableben man eben noch bei schrecklichen Autounfällen mitverfolgen konnte, tauchen quicklebendig wieder auf, Kinder verschwinden, uneheliche Geschwister erscheinen auf der Bildfläche und so weiter und so fort. Das Ganze stets vor prächtiger Kulisse: Muhannad und Noor fahren teure Autos, wohnen in Villen am Bosporus, essen in schicken Lokalen und lassen sich nur in vorbildlich geführten Krankenhäusern behandeln. So weit, so typisch für eine Seifenoper.

          Anders als in westlichen Formaten aber bildete bei „Noor“ kein Freundeskreis oder eine Nachbarschaft den Handlungsrahmen, sondern eine Großfamilie - also jener Lebenszusammenhang, der für Araber traditionellerweise am wichtigsten ist. Und während es bei uns kaum vorstellbar wäre, dass man bei einer Figurenkonstellation wie jener von Muhannad und Noor nicht das Zustandekommen von deren Ehe aufs schwerste problematisiert, regte sich in der arabischen Welt niemand über die arrangierte Ehe auf. Für erhitzte Gemüter und Diskussionen auf dem Sofa zu Hause und in Talkshows sorgte anderes: Einige der Hauptfiguren tranken Wein. Hatten vorehelichen Sex (auch wenn die Szenen rausgeschnitten waren, verstand doch jeder, was fehlte). Oder eine Abtreibung, alles Albträume für religiöse Sittenwächter. Als mindestens genauso erschütternd für den arabischen Blick auf die Welt erwies sich zudem der schöne Muhannad: Mit ihm zog auf einmal ein muslimischer Ehemann in die Wohnzimmer ein, der nicht nur verflixt gut aussah, sondern seine Frau auch liebevoll und auf Augenhöhe behandelte. Sogar ihre berufliche Karriere unterstützte er. Viele Araberinnen hatten sich nicht vorstellen können, dass es so etwas gibt.

          Gleiches Prinzip, gleiche gesellschaftliche Folgen

          Die Folgen des moralischen und emotionalen Erdbebens waren beachtlich. Al Dschazira verbreitete, „Noor“ beleidige die öffentliche Moral. Saudische Geistliche erließen Fatwas gegen das Schauen der Serie, verkündeten, dass man beim Beten keine T-Shirts mit Bildern der Soapstars tragen dürfe - eine riesige Welle von Merchandisingartikeln war über die arabische Halbinsel geschwappt. Der Beliebtheit der Serie tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil, nun versammelten sich Männer wie Frauen erst recht vor dem Fernseher und diskutierten in Teehäusern und Hamams, was am Abend zuvor am Bosporus geschehen war. In Internetforen beschwerten sich Frauen, dass ihre Gatten nicht annähernd so romantisch seien wie Muhannad und sich keinerlei Mühe mit ihrem Äußeren gäben. Angeblich aus Eifersucht auf den Schauspieler ließen sich viele Männer scheiden. Auch von weiblicher Seite wurden vermehrt Scheidungen eingereicht.

          Genüsslich berichteten arabische Zeitungen von Frauen, die erklärten, sie wollten endlich auch einen Mann, der fähig zu Romantik ist und sie respektvoll behandelt - eben so wie Muhannad seine Noor. Die letzte Folge sendete MBC am 30. August 2008. Im Libanon wurde an diesem Tag Haftbefehl gegen Muammar Gaddafi erlassen, Ägypten öffnete seine Grenze zu Gaza, und in Iran sagte ein General für den Fall eines Angriffs auf sein Land einen Weltkrieg voraus. Zur Hauptsendezeit schalteten 85 Millionen Araber den Fernseher ein und schauten „Noor“. 50 Millionen davon waren weiblich. Schon eine Woche später startete mit „Menekse & Halil“ die nächste türkische Serie bei MBC. Die Fernsehanstalt hatte „Mirna & Khalil“ daraus gemacht - gleiches Prinzip, gleiche gesellschaftliche Folgen. Auch bei den Dutzenden weiteren türkischen Serien, die seitdem jeden Tag im Nahen Osten zu sehen sind, änderte sich das nicht.

          Tabus selber brechen

          „Ich denke, der Erfolg unserer Fernsehserien in der arabischen Welt liegt vor allem darin, dass wir, trotz aller Unterschiede, ähnliche Werte teilen“, sagt der Istanbuler Fernsehproduzent Fatih Oflaz, der auch schon Serien in die arabische Welt verkaufen konnte: „Es ist etwas grundsätzlich anderes, wenn jemand aus dem eigenen Kulturkreis Tabus bricht und konservative Werte herausfordert. Die Leute nehmen das dann leichter an. Türken und Araber sind zwar nicht gleich, aber in den Serien erscheinen sie gleich.“

          Tatsächlich werden durch Synchronisation und Namensänderungen die Unterschiede zwischen Türken und Arabern so gut wie aufgehoben. In Gestik und Mimik ähnelt man sich ohnehin, hat die gleiche Religion und gleiche historische Erfahrungen. Und dass man sich als Araber auch wunderbar von der osmanischen Geschichte unterhalten lassen kann, erfährt der Nahe Osten derzeit durch „Muhtesem Yüzyil“. Und wenn es, wie zuweilen in „Noor“ oder „Ask-i Memnu“, doch mal zu moralischen Fehltritten kommt, wie etwa einem unehelichen Kind, dann wird das Problem so gekittet, dass alles wieder den Konventionen entspricht. Niemand verliert sein Gesicht. In „Ask-i Memnu“ etwa begehen die Ehebrecherin und ihr Geliebter in der letzten Folge einfach Selbstmord im Bett. Bei uns wären sie wahrscheinlich in ein rotes Cabrio gestiegen und in den Sonnenuntergang davongebraust.

          Die türkischen Serien reflektieren die Balance zwischen Tradition und Moderne, die, zumindest im Augenblick, in der Türkei besteht. Genau diese Dinge wünschen sich viele Leute in der arabischen Welt. Und so sind es wohl tatsächlich nicht allein Erdogans wortgewaltige Auftritte, die viele Araber für das Modell Türkei eingenommen haben. Es sind auch Serienfiguren wie Noor und Muhannad. Das Leben, das sie führen, erscheint ihnen besser als eines, in der allein Bärtige und die Scharia das Sagen haben.

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