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Verkauf der Dogan-Medien-Gruppe : Präsidenten-Presse

  • -Aktualisiert am

Redaktionelle Linie im Eiltempo angepasst

Und wer ist die Demirören-Gruppe, also der Käufer? Die von Erdogan Demirören und seinen Kindern geleitete Gruppe war bis 2011 im Bergbau, im Energiesektor und in der Baubranche tätig. Von der Regierung aufgefordert, übernahm sie zwei Zeitungen von Dogan und trat ins Mediengeschäft ein. Der Verkauf kam zustande, als die Dogan-Holding, die wegen eines Schiebereiprozesses ihre wertvollste Tochter Petrol Ofisi verkaufen musste, von der Wettbewerbsaufsicht bedrängt wurde: „Ihr seid zu groß, ihr müsst euch verkleinern.“ Heute, sieben Jahre später, da Demirören den gesamten restlichen Besitz von Dogan übernimmt, wird diese Aufsicht allerdings kein Wort sagen.

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Der Aufstieg der Demirören-Holding zum größten Medientrust der Türkei dürfte der Informationsfreiheit in der Türkei erheblichen Schaden zufügen. Sie tat sich bereits damit hervor, die redaktionelle Linie aufgekaufter Zeitungen im Eiltempo zu ändern und als regierungskritisch geltende Journalisten vor die Tür zu setzen. Ein Telefonat, dessen Mitschnitt vor ein paar Jahren ins Internet gestellt wurde, zeigt, was die Übernahme bedeutet.

Erdogan zeigt den fünften Finger

Die von Demirören beizeiten übernommene Zeitung „Milliyet“ berichtete über Aussagen des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan während der Phase der Friedensverhandlungen zwischen dem Staat und seiner Organisation. Zeitungsinhaber Demirören, der die „Milliyet“ auf Regierungslinie gebracht und nach der Übernahme des Blattes Erdogan telefonisch nach seiner Anweisung gefragt hatte, wer Chefredakteur werden sollte, erlebte den Schock seines Lebens. Erdogan schäumte vor Wut über die Schlagzeile „Die Protokolle von Imrali“ (auf Imrali ist der PKK-Chef inhaftiert) und wetterte in die Kameras: „Zum Teufel mit eurem Journalismus!“ Wie die gesamte Türkei in den Mitschnitten eines Telefonats hören konnte, weinte Demirören am Ende und bekniete Erdogan: „Habe ich dich betrübt, Boss? Für wen bin ich denn in dieses Gewerbe eingestiegen?“ Einige Tage darauf feuerte die „Milliyet“ ihren Chefredakteur Derya Sazak. Nie wieder erschien in einer Zeitung der Demirören-Gruppe ein Bericht, der den „Boss“ betrüben könnte.

Mit den Medien, die ihr bis vor zwei Tagen noch gehörten, opponierte die Dogan-Gruppe keineswegs gegen Erdogan. Aber sie konnte doch unterschiedlichen Stimmen ein Forum geben. Offenbar ist Erdogan das zu viel. Er kann vor den für ihn entscheidenden Wahlen 2019 keine einzige kritische Stimme dulden. Er spielt seine Karten nach dem berühmten Motto türkischer Filme aus: „Entweder gehörst du mir oder der schwarzen Erde.“

Am Tag der Übernahme wurde im Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Internetmedien ganz staatlicher Kontrolle unterstellt. Auch sie unterliegen nun der Zensur. Die Behörde kann ohne Gerichtsbeschluss jede Seite verbieten. Bis vor wenigen Tagen zeigte Erdogan seinen Anhängern bei Kundgebungen vier Finger als Symbol für „eine Nation, ein Staat, eine Fahne, ein Vaterland“. Jetzt wird er den fünften Finger dazunehmen und die Reihe durch „eine Presse“ ergänzen. Uns bleibt, mit fünf Fingern zu winken: „Journalismus ade!“.

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