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True-Crime bei Magenta TV : Und dann trat der Täter im Fernsehen auf

  • -Aktualisiert am

Detective Superintendent Steve Wilkins (Luke Evans) rollt zwei ungelöste Mordfälle neu auf. Bild: MagentaTV

Brutale Mordfälle und ihre spektakuläre Aufklärung: In „The Pembrokeshire Murders“ werden die Verbrechen des walisischen Mörders John Cooper aufgearbeitet.

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          Halbdokumentarische True-Crime-Formate haben Konjunktur, im Fernsehen, im Stream und auch als Podcast. Besonders die Re-Inszenierung realer „Cold Cases“, in denen archivierte stumme Beweise nach Jahren zum Sprechen gebracht werden, wie etwa in „Medical Detectives“, sind Publikumsrenner. Sie profitieren vom schlichten naturwissenschaftlichen Optimismus und der Expertengläubigkeit, die beim Großteil der Zuschauer zur Alltagsheuristik gehören.

          Dass es auch hier keinen einfachen Selbstausdruck – der einen Faser, eines halben Fingerabdrucks – gibt, wird gern übersehen. Und dass selbst der simpelste Laborbefund der Übersetzung und Einschätzung von Spezialisten bedarf. Die Dinge sind selbst keine Garanten des Unbezweifelbaren. Aber es wäre beruhigend, wäre es so.

          Auch die fiktionale britische Miniserie „The Pembrokeshire Murders“ verarbeitet mehrere reale schwere Kapitalverbrechen, die sich seit den späten siebziger Jahren in der südwestwalisischen Küstenregion ereigneten und erst Mitte der zweitausender Jahre aufgeklärt wurden. Die dreiteilige ITV-Produktion ist die leicht verfremdete Verfilmung des Reportagebuchs „Catching the Bullseye Killer“ von Detective Superintendent Steve Wilkins (damals leitender Ermittler) und Jonathan Hill (Reporter). In der Serie treten beide unter Klarnamen auf. Die Hauptfigur Wilkins (Luke Evans) ist, jedenfalls wenn man vom aktuellen Krimi-Goldstandard der gemischten Charaktere bei den Ermittlerfiguren ausgeht, enttäuschend eindimensional. Wilkins ist ein vorbildlich gesetzestreuer Polizist und als Vorgesetzter ein Motivationsgenie, der anfangs nach Jahren bei Scotland Yard in die Polizeistation von Dyfed Powys zurückkehrt und sich in der düsteren, aber beeindruckenden Gegend pflichtbewusst auf die Suche nach ungelösten Fällen macht.

          Das verstörende Täterprofil eines Sadisten

          Einziger persönlicher Schwachpunkt sind seine jugendlichen Kinder, die Tochter ein Bild der frühen Vernunft, der Sohn noch auf der Suche nach Lebensperspektiven neben dem Profifußball. Einstweilen wohnt der Heimgekehrte mit den breiten Schultern und dem unbewegten Gesicht in einem Steilküsten-Bungalow mit Blick auf die rauhe See. Praktischerweise hat Wilkins bei der Arbeit eine Tafel im Blick, auf der das Ethos seiner Arbeit niedergeschrieben steht. Als engste Mitarbeiterin wählt er die Kollegin Ella Richards (Alexandria Riley), was bei all den Männern seiner rasch zusammengestellten Soko für Befremden sorgt. So weit, so erzählerisch schwach.

          Wilkins mag zwar als Figur uninteressant sein, doch der eigentliche „Bullseye“- Fall und seine spektakuläre Aufklärung, nicht zuletzt durch den Auftritt des Täters in einer bekannten Fernseh-Spielshow zur Zeit seines Mordens, sowie das nach und nach enthüllte verstörende Täterprofil eines Sadisten, der auch seine eigene Familie nicht verschont, die akribische Darstellung der oft frustrierenden Ermittlerarbeit und vor allem die Spiegelung all der Trostlosigkeiten in den walisischen Schauplätzen, ihren schroffen Naturschönheiten und den stets grauen bis tiefdunklen Wetterstimmungen machen „The Pembrokeshire Murders“ (Buch Nick Stevens, Regie Marc Evans) durchaus ansehnlich.

          Auf das Konto von John William Cooper (Keith Allen), so meint Wilkins, gehen zwei verschiedene Doppelmorde, der Überfall auf eine Gruppe junger Leute, Vergewaltigungen, Diebstähle und weitere Taten. Inzwischen über sechzig, sitzt der ältere Mann seit zehn Jahren wegen Diebstählen im Gefängnis und steht kurz davor, wegen guter Führung entlassen zu werden.

          Wilkins bekommt ein Team und ein Budget und beginnt, sich durch die Menge von Asservaten zu arbeiten, die nun mit moderner Technik auf DNA-Spuren untersucht werden kann. Cooper, der vermeintliche Psychopath, steuert inzwischen die Bewegungen seiner verängstigten Frau Pat (Caroline Berry) aus der Haft. Sein Sohn Andrew (Oliver Ryan), als Kind misshandelt, lebt schwerbehindert und traumatisiert in einer Sozialsiedlung.

          Das Team findet schließlich mehr Verbindungen und Indizien, als zu hoffen war. In der letzten Folge wird aus der Forensikschau eine routiniert dramatisierte Gerichtsverhandlung, bei der nichts weniger als „das Böse“ zur Strecke gebracht werden soll. Beim Sender ITV hat man sich inzwischen dreifach realen Fällen im fiktionalen Miniserienformat gewidmet.Dass „The Pembrokeshire Murders“ nun bei Magenta TV und die beiden anderen Fälle bei Starzplay gezeigt werden, trägt für Fans des Genres zur neuen Senderunübersichtlichkeit bei.

          The Pembrokeshire Murders ist bei Magenta TV abrufbar.

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