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Troll-Kommentare : Meine Tage im Hass

Andere Kommentatoren steigern sich in eine politisch eher richtungslose Medienkritik. Die Systempresse sei zensiert, dürfe ohnehin nie die Wahrheit schreiben und werde abwechselnd von einer Energielobby, Umweltlobby, Schwulenlobby, Pharmalobby, von Apple oder Samsung (je nach Ergebnis des Gerätetests), von den Regierungen verschiedener Länder oder gleich einem Geheimdienst der Wahl finanziert und gelenkt. Wenn diese Kommentatoren auch nur ansatzweise recht hätten und solche Organisationen uns tatsächlich regelmäßig Geldkoffer vorbeibrächten - es gäbe keine Zeitungskrise mehr.

Eine handfeste Vertrauenskrise gegen „die Journaille“

„WENN DIE MEINUNG DER LESER STÄRKER UND DIE LÜGEN DER REDAKTEURE DREISTER WERDEN GEHT JEDE ZEITUNG KAPUTT!!!“, schreibt uns ein Leser und regt an, wir sollten uns diesen Satz ausdrucken und an die Tür heften. Man könnte solche Vorwürfe jetzt einfach abtun. Aber so leicht ist es nicht. Unterschwellig manifestiert sich da nämlich eine handfeste Vertrauenskrise. Es ist mittlerweile salonfähig, auf „die Journaille“, auf „die Schreiberlinge“ zu schimpfen, die verlogen, hirnlos und ahnungslos hinschrieben, was ihnen Geldgeber, Meinungsmacher oder Lobbyisten vorkauten. Das kommt vor, keine Frage, es gibt nicht nur gute Journalisten, es gibt leider auch sehr schlechte, und das ist fürchterlich für den ganzen Berufsstand. Aber das ist nicht die Regel, zum Glück. In der Redaktion höre und lese ich immer noch eine Vielzahl von Meinungen, man diskutiert, schreibt gegeneinander an, lässt auch kontroverse Gastbeiträge zu. Aus meiner Innensicht betrachtet, ist die Behauptung vom massenhaft verbreiteten korrupten Lohnschreiber schlichtweg nicht haltbar. Es bleibt uns wohl nur übrig, langfristig gute Arbeit abzuliefern, um einem Vertrauensverlust entgegenzuarbeiten.

Wie aber geht man mit dem Hass um, wenn er persönlich wird? Eine Gruppe deutscher Journalisten mit Migrationshintergrund, darunter Özlem Gezer vom „Spiegel“ und Deniz Yücel von der „taz“, hat darauf eine eigene Antwort gefunden. Sie touren regelmäßig mit dem Programm „Hate Poetry“ durch Deutschland und lesen öffentlich die schlimmsten Beschimpfungen vor, die die Leser ihnen per Post, E-Mail, Kommentarfunktion oder Twitter angedeihen ließen. Nach anderthalb Stunden weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, und ist froh, einen angenehm unauffälligen, deutschen Namen zu haben, der einem zumindest diese Angriffsfläche erspart. Es mache einen Unterschied, sagte Yassin Musharbash von der „Zeit“ zum Abschluss der Frankfurter Hate-Poetry-Lesung, ob man diese Briefe mit nach Hause nehme und mit ihnen allein bleibe oder ob man sie teilen und gemeinsam darüber lachen könne.

Ähnliche therapeutische Strategien verfolgen wir bei FAZ.NET inzwischen auch. Ein Kollege sammelt die widerwärtigsten Hassschriften, wir freuen uns über den gröbsten Unflat, wir lesen ihn laut vor und lachen gemeinsam darüber. Es geht nicht anders.

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