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Transzendente Fake-News : Frohe Botschaft

Baut vermutlich keine Klarinetten - aber schön wär’s doch: der Schauspieler Martin Semmelrogge Bild: dapd

Gegen das, was früher schlicht Lüge und Propaganda hieß, scheint bis heute kein Kraut gewachsen. Höchste Zeit, an einem harmlosen Gegengift zu arbeiten: „Fake News“, die Zuversicht, Staunen und den Glauben an das Gute fördern.

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          Die Nachricht ging merkwürdigerweise tiefer als vieles, was derzeit über die sozialen Medien für Erregung sorgt: Dass Edmund Rüdiger Stoiber, ehemals Ministerpräsident des Freistaates Bayern, einstiger Kanzlerkandidat und Ehrenvorsitzender der CSU, sich zu einem veritablen Klarinettisten mit einem nahezu göttlichen Schmelz im Ton entwickelt haben soll, der neuerdings sogar regelmäßig mit Woody Allen in einem kleinen Landhaus bei Rosenheim zu karitativen Zwecken für ein ausgesuchtes Publikum spielt. Die Konzerte seien so begehrt, dass selbst das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks erwäge, mit Stoiber aufzutreten, heißt es aus gut informierten Kreisen.

          Halt! Das ist natürlich alles erfunden. Kann man es trotzdem gebrauchen? Ja. Ein Leben lang wehren sich manche gegen den weihnachtlichen Kirchgang, weil die Versprechen unterm Weihnachtsbaum greifbarer scheinen als die des Pfarrers. Doch plötzlich merkt man, er macht eine Sache richtig: Er verkündet eine vergleichsweise „frohe Botschaft“ – jenseits der nachprüfbaren Fakten. Diese Kunst ist heute abhandengekommen. Gegen das, was früher schlicht Lüge, später Propaganda und heute zu oft „Fake News“ heißt, ist kein Kraut gewachsen. Es hilft nur Altmodisches: den Verstand nutzen, nachprüfen, damit leben lernen. Vielleicht aber auch: ein Schuss Transzendenz. Die Botschaft von „Fake News“ ist ja selten eine frohe. Sie soll Unsicherheit schüren. Zeit also, an einer Art harmlosen Gegengift zu arbeiten: „Fake News“, die Zuversicht, Staunen und den Glauben an das Gute im Menschen fördern. Man könnte sie „Rake News“ (englisch für Harke, Krücke oder Lebemann) taufen.

          Ganz in diesem Sinne: Die Klarinette, die Edmund Stoiber spielt, ist von keinem geringeren als Martin Semmelrogge gebaut worden. Während er nach seinem Ausscheiden bei „Promi Big Brother“ versuchte, seine Schauspielkarriere wieder anzufachen, ließ er sich in der Meisterwerkstätte für Holzblasinstrumente Karl Hammerschmidt & Söhne zum Klarinettenbaumeister umschulen. Stoiber soll die Klarinette mit dem Namen „Martinshorn“ bei einer Auktion zugunsten der Ausbildung von Kindern indigener Stämme im Gebiet von Mosambik und Tansania erworben haben, von wo auch das begehrte Grenadillholz für die Klarinette stammt. Sein letztes Konzert soll Stoiber sogar nach New York aufgeführt haben, wo er mit Allen und Bill Clinton (Saxophon) zusammen im Café Carlyle auftrat. In der letzten Reihe soll – unerkannt, still und ohne grellen Schopf und Makeup – neben der ebenfalls anwesenden Hilary Clinton ein blasser kahlköpfiger Mann im schweren schwarzen Mantel mit auffallend kleinen Händen gesessen haben. Als die Musiker über das Thema von Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur improvisierten, sollen ihm heiße Tränen über das Gesicht gelaufen sein. Daraufhin habe sich Hilary zu ihm gebeugt und geflüstert: Alles wird gut. Frohe Weihnachten, Donald.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

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