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„Toulouse“ im Ersten : Was sie sich noch zu sagen hatten

  • -Aktualisiert am

Zwei, die voneinander abhängig sind: Catrin Striebeck verleiht der in Unschuldsweiß gekleideten Silvia bittere Größe. Bild: HR/Bettina Müller

Zwei Eheleute treffen sich ein letztes Mal, um miteinander abzurechnen: Catrin Striebeck und Matthias Brandt spielen in „Toulouse“ groß auf.

          Gustav (Matthias Brandt) trifft sich mit Silvia (Catrin Striebeck), von der er nach neunzehn Jahren Ehe getrennt lebt, in einem Luxushotel an der südfranzösischen Küste, um das Scheitern ihrer Beziehung zu rekapitulieren. Er will noch einmal mit Silvia schlafen und ihr dann ganz sachlich erklären, dass seine neue, jüngere Lebensgefährtin ein Kind von ihm erwartet. Die werdende Mutter wiederum ahnt nichts von Gustavs Treffen mit der Ex und wähnt ihn auf Geschäftsreise in Toulouse. Doch Gustavs Plan wird durchkreuzt. Das Kongresszentrum, in dem er angeblich eine Tagung besucht, wird Ziel eines terroristischen Anschlags. Die Zahl der in den Nachrichten genannten Todesopfer steigt, Gustavs Lügengebäude steht vor dem Einsturz.

          Das Zwei-Personen-Kammerspiel „Toulouse“ (Regie Michael Sturminger) ist ursprünglich ein Theaterstück des österreichischen Autors David Schalko. Er hat es für das Fernsehen selbst adaptiert. Er versucht gar nicht erst, die Herkunft von der Bühne zu verbergen. Es dauert ein wenig, bis man sich vor dem Bildschirm an den bisweilen getragenen Duktus der Dialoge gewöhnt hat. Doch dann wird die anfangs schwarze Komödie zum fesselnden Beziehungsthriller. Gustav ist nicht Opfer des Anschlags in Toulouse geworden. Ihm steht etwas anderes bevor: kalter Krieg. Er herrscht zwischen zwei Menschen, die in fast pathologischer Weise voneinander abhängig sind.

          Wenn die Ex sich ihre Macht zurückholt

          Silvia, nur scheinbar die moralisch Überlegene, hat sich Gustav, den sie für unreif und willensschwach hält und deshalb verachtet, zum Projekt gemacht. Auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen will: Dass Gustav ein neues Leben beginnen will und für die andere Frau seine Firma verkauft hat, verletzt sie tief. Gustavs desolate Lage ist Silvia nur recht. Sie bekommt wieder Macht über ihn. Catrin Striebeck verleiht dieser in Unschuldsweiß gekleideten Verlassenen bittere Größe. Sie hilft ihrem Exmann, Kurznachrichten mit weiteren Ausflüchten an seine Partnerin zu verfassen, um ihn anschließend auszulachen, weil er mit der neuen Vaterrolle überfordert ist und sich hilflos an sie klammert.

          Sie muss ihm nur dabei zusehen, wie er sich selbst demontiert. „Du bist eigentlich ganz unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“, sagt sie ihm ins Gesicht. Doch auch Gustav kennt die wunden Punkte seiner früheren Ehefrau: „Du musst nicht souverän sein, Silvia, das macht dich nur bitter.“ Matthias Brandt geht ganz auf in der Rolle des Mannes, der schwankt zwischen Vernunft und Gefühl, und der seine Entscheidung, Silvia zu verlassen, fast bereut. Seine eigene selbstgerechte Lächerlichkeit ist Gustav kaum bewusst, doch für den Zuschauer tritt sie immer deutlicher zutage, auch äußerlich: Nach seinem ersten Annäherungsversuch bleibt sein Gürtel offen, die Schweißflecken unter seinen Achseln, anfangs noch kaum sichtbar, wachsen.

          Sobald Silvia und Gustav zur Sache kommen, klingelt das Telefon. Mal ist es die neue Frau, die um ein Selfie aus dem Hotelzimmer bittet, als Gustav gerade verschwitzt in Unterhose aus dem Bett gekrabbelt ist; mal ist es sein Geschäftsfreund Moskowitz, der ebenfalls in Toulouse sein sollte, sich aber mit seiner französischen Geliebten in Nizza vergnügt. Als er beschließt, seiner Frau die Wahrheit zu beichten, droht auch Gustav aufzufliegen. Dieser sieht sich „ausschließlich von egozentrischen Arschlöchern umgeben“. Er merkt nicht, dass er selbst eins ist. Das bitterböse Machtspiel, in dem pfeilgiftige Dialoge sich abwechseln mit erotischem Begehren, nimmt einen tragischen Verlauf. Schon zu Beginn ließ sich erahnen, dass das, was Silvia im Tresor verstaut hat, eine Pistole ist. Mit der im Anschlag stellt sie in einem packenden Schlussakt Gustav vor eine Wahl, die keine ist.

          Mein Ehepartner, der Feind: Im Zwei-Mann-Kammerspiel „Toulouse“ geht ein Ehepaar an seine emtoionalen Grenzen – und noch ein ganzes Stück darüber hinaus.

          Toulouse, am 12. September um 20.15 Uhr im Ersten

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