https://www.faz.net/-gqz-78kds

„Tödliche Versuchung“ im ZDF : Die stillen Tage danach

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam einsam: Thomas und Helena (Marcus Mittermeier und Julia Koschitz) Bild: ZDF / Jacqueline Krause-Burberg

Auch in der schönsten bayerischen Biohof-Idylle steckt noch ein Beziehungsdrama: In dem Film „Tödliche Versuchung“ tötet ein Mann den Liebhaber seiner Frau. Und geht daran zugrunde.

          Mit der Ehe ist das wie mit den hübsch verpackten Lebensmitteln aus dem Supermarkt: Man weiß nie, was wirklich drinsteckt. Thomas und Helena zum Beispiel, zwei liebenswerte Menschen, beide handfest, sie etwas mädchenhaft, scheinen im Münchner Umland das landlusthafte Paradies gefunden zu haben - einen Biohof mit sanften Kühen, mit süßen Kindern, netten Kunden im Laden und braunem Teakholz am See. Sie gelten als Traumpaar, und für eine Weile stimmt das, die Tage beginnen mit einem Frühstück, die Wege zur Arbeit mit einem neckischen Kuss, die Großeltern besorgen den Service im Hintergrund.

          Doch der Wohlfühlfilm reißt, noch während Thomas im Gemeinderat „die pure Lebensqualität“ des Landstrichs gegen die vorrückende Industrie zu verteidigen sucht. Denn so ein Bilderbuchleben ist statisch, die Liebe in Routine begriffen. Und das Gras ist immer andernorts grüner, das Kribbeln größer und ein ganz anderes, wenn alles neu ist und fremd: „Ich lebe auf dem Land. Wann habe ich schon die Gelegenheit, so was anzuziehen?“, murmelt Helena, als sie bei einer Auslieferungsfahrt in die Stadt vor einer Boutique kleben bleibt. Zwei Biokisten später zieht sie zum Espresso eines Kunden die Schuhe aus, ein Experiment fast, und noch etwas später sinkt ihr zufälliger Liebhaber blutend nieder - weil Thomas in seiner Wut zu hart zuschlug.

          Auf der Suche nach Halt und Sinn

          Die Stille in den Tagen danach, das Entsetzen über sich selbst, die Ratlosigkeit und verzweifelte Suche nach dem unmöglichen Weg zurück sind das Thema des gelungenen, still und elegant fotografierten Fernsehfilms „Tödliche Versuchung“ von Claudia Kaufmann (Buch), Johannes Fabrick (Regie) und Helmut Pirnat (Kamera). Bei diesem Psychothriller beschränkt sich die Rolle des Kommissars auf das Interesse für hausgemachte Marmelade. Stattdessen zeigen uns Julia Koschitz und Marcus Mittermeier in den Hauptrollen, wie zwei sensible Menschen alle Heuhaufen, Feuerzeuge und Benzinkanister in Bewegung setzen, um in stummer Komplizenschaft ein Verbrechen zu vertuschen, das niemand wollte. Bis man Helena fast für die Täterin hält, für den Menschen, der das gemeinsame Glück wie weiland Eva verspielte, und ihren treuen, unter seinen Gefühlen zerbrechenden Mann Thomas für das Opfer.

          Er habe in den letzten drei Wochen der Dreharbeiten kaum schlafen können, hat der Schauspieler Marcus Mittermeier erzählt: „Je mehr meine Figur in die Krise geriet, desto schlechter fühlte ich mich privat als Mensch.“ Das meint man ihm anzusehen, wenn sein Thomas in einer der stärksten Aufnahmen des Films im Zwielicht zwischen den Kühen kniet, vergeblich nach etwas Halt und einem Rest Sinn in seinem Leben suchend. Helenas Händen entgleiten unterdessen die Gläser, als schlage ihre innere Erschütterung ins Äußere durch, die Furcht vor dem Auseinanderbrechen ihrer Familie scheint sie jetzt, da ihre Affäre im wahrsten Sinne des Wortes aus der Welt ist, auf einmal stärker zu bewegen als der Gedanke an den von ihr mitvertuschten Mord. „Denk an die Kinder“, sagt sie zu Thomas, „wir müssen das schaffen.“

          Doch er wird das nicht schaffen. Das Paradies ist verloren. Mit trostlos dunklen Gedanken schickt uns dieser Film in die Nacht.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.